Zur Kritik am BARF-Ernährungskonzept im Wolf Magazin 1/2008

Kategorien: 
Systematik: 
Zeit: 

Die Wolfsbeobachterin und Journalistin Elli H. Radinger referiert im Wolf Magazin 1/2008 Beobachtungen über das Ernährungsverhalten von Wölfen. Zu ihren zentralen Feststellungen zählt, dass Wölfe ihre Beute nahezu komplett fräßen, also sprichwörtlich mit Haut und Haaren - nur den vegetarischen Mageninhalt verschmähten die Beutegreifer. Die verbreitete Vorstellung, Wölfe benötigten den vorverdauten Mageninhalt von pflanzenfressern wie Rehen oder Schafen zur Versorgung mit Nähr- und Mineralstoffen, sei schlichtweg falsch. Von dieser Richtigstellung eines verbreiteten Irrtums äußert sie auch scharfe Kritik am BARF-Ernährungskonzept für Haushunde, das versucht, das natürliche Ernährungsverhalten von Wölfen für den Wolfsnachkommen Haushund zu adaptieren.

Frau Radingers launige Kritik ist durchaus interessant zur Kenntnis zu nehmen und berücksichtigenswert für alle BARFer. Tatsächlich dürfte die Mehrzahl der BARF-Befürworter nicht in der Lage sein, auf eigene systematische Wolfsbeobachtungen zurückzugreifen, und viele BARF-Ernährungsratgeber sind eher Kompilationen bzw. Literaturarbeiten als empirisch gestützte Erkenntnisse. Und sicherlich lassen sich nicht alle Erkenntnisse über die Wolfsernährung direkt auf die seit jahrhunderten domestizierten Haushunderassen übertragen.

Was Elli H. Radinger mit ihrer Kritik an Rohernährungskonzepten jedoch verkennt, sind Anlässe und Erfolge dieser Methoden. Viele Hundebesitzer suchen bewusst nach einer Alternative zu industriellem Fertigfutter, um ihre vierbeinigen Lebensgefährten nicht mit überdosierten Vitamindosen oder gar versehentlich mit Rattengift kontaminiertem Industriefutter zu vergiften; absolute Gewissheit über nichttoxische Zutaten und Zusammensetzung des Eigenbau-Futters kann freilich auch BARF nicht bringen, die Wahrscheinlichkeit einer versehentlichen Schädigung des vierbeinigen Mitbewohners reduziert sich jedoch bei bewusster Rohkosternährung deutlich.


Ebenfalls unverkennbar sind die Erfolge einer Rohernährung von Hunden; die Akzeptanz des Futters ist gut, und gesundheitliche Beeinträchtigungen sind nur in wenigen Fällen bekannt geworden; in diesen Fällen wurden sie meist durch Fehler bei der BARF-Diät hervorgerufen. Handfeste Beweise für die eine oder die andere Position können jedoch weder Frau Radinger noch die BARF-Befürworter beibringen: Der Haushund weist eine hohe Toleranz für unterschiedliche Nahrungsquellen auf und stirbt weder von Pizza, noch von Spaghetti noch von einem kleinen Stück Schokolade - wenn auch die Wahrscheinlichkeit von Langzeitschäden und einer Verkürzung der Lebensspanne durch derartige Nahrungsgrundlagen zunehmen wird.

Bedenken sollte man auch, dass sich Elli H. Radingers Artikel primär mit dem Ernährungsverhalten des Wolfes beschäftigt und nur peripher auf den Haushund eingeht. Zur Klarstellung wäre daher ein weiterer Artikel wünschenswert, der den Schwerpunkt auf die Rohernährung von Haushunden setzt.

Anmerkungen zur Ernährung des ›Wolfes‹

Radingers Feldbeobachtungen stützen sich primär auf genau eine Region: den Yellowstone-Nationalpark die die dort ansässigen Rudel. Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, gibt den ›den Wolf‹ als homogene Entität nicht; was als ›Wolf‹ bezeichnet wird, setzt sich aus eine Fülle heterogener Unterarten zusammen, die in vollkommen unterschiedlichen Biotopen leben. Pauschale Aussagen über ›den Wolf‹ sind daher prinzipiell mit Vorsicht zu genießen - die Beutezusammensetzung eines ägyptischen Wolfes wird notwendigerweise signifikant von der eines eurasischen Wolfes abweichen.

Wissenschaftler wie Dimitrij I. Bibikow haben bereits in den 1970er Jahren breit angelegte systematische Untersuchungen angestellt und dabei erhebliche geografische Unterschiede in der Nahrungszusammensetzung festgestellt. Demnach spezialisiert sich der Wolf auf die jeweils am leichtesten erreichbare Beute (Bibikow 2003: 73). Weiterhin ist ›der Wolf‹ nach Bibikow weit weniger phylophob, als es in Radingers Bericht erscheint. Bezugnehmend auf bestimmte Populationen in ehemaligen sowjetrpubliken stellt Bibikow fest:

"Die notwendigen Vitamine und Spurenelement erhält der Wolf über die pflanzenfressenden Beutetiere. Aber er nimmt auch selbst pflanzliche Nahrung auf. Im Magen und Kot von Wölfen [...] findet man neben Resten tierischer Herkunft auch grüne Pflanzenteile, unverdaute Schalen von Früchten und Beeren, Kerne und Samen. Manchmal besteht der Kot vollständig aus pflanzlicher Substanz. Eine Reihe von Pflanzen sind für den Wolf vollwertige Nahrung [...]" (Bibikow 2003: 73)

Siehe auch

Legacy ASIN: 

Ähnliche Beiträge

Titel Typ
Susanne Reinerth: Natural Dog Food (2005) –Kurzbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ
BARF, Ernährung, Gesundheit, Nachschlagewerke
Beitrag veröffentlicht vor vor 5 Jahre 8 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 13 Wochen
Rezension
Sabine L. Schäfer u.a.: B.A.R.F. - Artgerechte Rohernährung für Hunde. Ein praktischer Ratgeber (2005)
BARF, Bestseller, Ernährung, Ratgeber, Rohernährung, Sachbuch
Beitrag veröffentlicht vor vor 5 Jahre 7 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 19 Wochen
Amazon
Susanne Reinerth: Natural Dog Food (2005) –›Rohfütterung für Hunde - Ein praktischer Leitfaden‹
BARF, Bestseller, Ernährung, Ratgeber, Rohernährung, Sachbuch
Beitrag veröffentlicht vor vor 5 Jahre 7 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 13 Wochen
Publikation
Martin Buksch: Ernährungsratgeber für Hunde (2008)
Ernährung, Ratgeber
Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 14 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 19 Wochen
Amazon
Swanie Simon: BARF - ›Biologisch Artgerechtes Rohes Futter‹ für Hunde (2008)
Ernährung, Rohernährung
Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 1 Woche
zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 19 Wochen
Amazon
Swanie Simon: BARF - ›Biologisch Artgerechtes Rohes Futter‹ für Welpen und trächtige Hündinnen (2008)
Ernährung, Rohernährung
Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 1 Tag
zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 19 Wochen
Amazon