Rezension zu Okarma/Langwald: Der Wolf (1997/2002)
Buchbesprechung zur 2. Auflage von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ
Der Wolf - Ökologie, Verhalten, Schutz (Originalausgabe: Wilk - Monografia przyrodniczo-lowiecka [= "Der Wolf - Monografie über Natur und Jagd"]) ist ein Sachbuch zum canis lupus von Henryk Okarma und Dagmar Langwald, die 2002 in einer 2., aktualisierten und neubearbeiteten Auflage erschien.
Themen dieser Monographie sind Systematik, Morphologie, Biologie, Ökologie, Wolfsjagd und der Platz des Wolfes im Bewusstsein der Menschen. Der Band leistet damit einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Lebensweise und des Verhaltens dieses Tieres.
Obwohl leider einige Fehler und Ungenauigkeiten aus der ersten Auflage übernommen wurden, zeichnet sich Der Wolf - Ökologie, Verhalten, Schutz durch ein klares Alleinstellungsmerkmal: Es ist die einzige relativ aktuelle und umfassende Monografie zum Wolf in deutscher Sprache. Sie gehört daher ins Bücherregal eines jeden Wolfsinteressierten.
Das Faktum des Alleinstellungsmerkmals als einzige relativ aktuelle und umfassende Monografie zum Wolf in deutscher Sprache wurde bereits erwähnt und muß daher nicht weiter vertieft werden: Wer sich in deutscher Sprache und allgemeinverständlicher Form über Canis lupus informieren möchte, hat die Wahl zwischen Bibikow, Zimen und Okarma/Langwald, wobei letztgenanntes die jüngste Veröffentlichung darstellt. Im Folgenden beschränkte ich mich daher auf das, was man bei Okarma/Langwald nicht findet, also auf eine kurze Buchkritik.
Wie auch die Vorauflage ist Der Wolf - Ökologie, Verhalten, Schutz in der zweiten Auflage ausgesprochen eurozentrisch, insbesondere wurde die polnische Abstammung des Bandes nicht abgemildert (bspw. Kap. 1.3, "Rechtsstatus und Bestand des Wolfes in Polen"; Kap. 7, "Wolfsjagd"; Kap. 8.5.1, "Polnische Sprichwörter und Redewendungen"; Kap. 9.3, "Entwicklung der Situation freilebender Wölfe in Polen" u.a.).
Das Lokalkolorit hat zweifellos seinen Charme, und sicherlich ist gerade Polen auch von besonderer Bedeutung als Herkunftsland der jungen Wolfspopulationen in Brandenburg und Sachsen, der Überblick geht dabei jedoch verloren. Die Autoren müssten sich entscheiden, ob sie eher eine allgemeine Wolfsmonografie, oder eine Darstellung der Situation in Polen abliefern möchten.
Entsprechendes gilt für den Eurozentrismus des Buches: Der "Situation des Wolfes in Deutschland" und der "Situation in Europa" sind eigene Kapitel gewidmet, Angaben zum Rest der Welt sind über das gesamte Buch verstreut oder fehlen ganz. Eine systematische Ergänzung und Straffung wäre hier vorteilhaft - vielleicht gelingt dies in einer nächsten Auflage.
Vom zoologischen Standpunkt teilweise unklar bzw. unvollständig sind die Angaben zu "Systematik, Verbreitung und Bestand"; nach den Angaben der ersten beiden Kapitel gibt es keine Wölfe in Afrika; auch die aus Bibikow 1985 übernommene Weltkarte mit dem "ursprünglichen Verbreitungsgebiet des" Wolfes ist dementsprechend zweifelhaft: der Ägyptische Wolf (Canis lupus lupaster, Hemprich und Ehrenberg 1832) wurde vergessen oder ohne Begründung definitorisch ausgegrenzt. Nowak 1995 ist hier präziser und weist auf seiner Verbreitungskarte entsprechende Populationen in Nordafrika aus [# R. M. Nowak: "Another look at wolf taxonomy", in: L. N. Carbyn, S. H. Fritts, D. R. Seip (Hrsg.): Ecology and Conservation of wolves in a changing world. Alberta: Canadia Circumpolar Institute 1995; abgedruckt auch in: Mech/Boitani 2003/2007: 245].
Als ebenso lückenhaft erweist sich aus kulturhistorischer Perspektive das Kapitel über "Mythen und Legenden", das - ähnlich wie der entsprechende Abschnitt bei Bibikow 1990/2003 (S. 165-168) - lediglich als ein unsystematisches Sammelsurium daherkommt, in dem anscheinend nicht zwischen Hörensagen und verbürgten Quellen unterschieden wird. Erheblich ergiebiger da substanzieller ist hier beispielsweise Gertrud Scherfs Wolfsspuren in Bayern - Kulturgeschichte eines sagenhaften Tieres (2001). Hier stellt sich die Frage, ob eine Behandlung des Wolfes in Mythen und Legenden in dieser lückenhaften Form (auf die alledings von den Verfassern explizit hingeweisen wird) nicht eher mehr Verwirrung stiftet als Aufklärung bewirkt. Auch sollte es in einer überarbeiteten Neuauflage aus dem Jahr 2002 nicht passieren, dass auf Berichte "aus den 20er Jahren unseres Jahrhunderts" verwiesen wird, wenn ganz offensichtlich das vorige Jahrhundert gemeint ist. Beim Leser wirft dies möglicherweise die Frage auf, an welchen wichtigeren Stellen das Datenmaterial ebenfalls nicht geprüft wurde.
Diese kritischen Anmerkungen sollten nicht mißverstanden werden; kein Buch kann fehlerfrei und bis ins letzte Detail erschöpfend sein, und dies soll auch von Okarma/Langwalds zweiter Auflage nicht erwartet werden; dennoch scheint es noch einigen Raum für Verbesserungen zu geben. Die angegebenen Schwerpunktthemen des Buches, nämlich Ökologie, Verhalten und Schutz, werden durchaus zufriedenstellend abgehandelt, weshalb Der Wolf auch in seiner zweiten Auflage wieder - mit den genannten Einschränkungen - durchaus empfohlen werden kann.
Die gebundene Ausgabe hat einen Umfang von 167 Seiten und enthält 72 Abbildungen, davon 26 farbig; der Band erschien im August 2002 in der 2., neu bearbeiteten Auflage im Parey Buchverlag, Berlin (ISBN 3830440626).
Weitere Ausgaben
Die deutsche Erstausgabe erschien 1997 im Backwell Wissenschafts-Verlag, Berlin/Wien, und wurde von Klaus Langwald und Dr. Dagmar Altmann-Langwald übersetzt und bearbeitet (ISBN 3-8263-8431-8).
Die polnische Originalausgabe Wilk - Monografia przyrodniczo-lowiecka erschien 1992 im Eigenverlag des Autors (Nakladem Autora), Bialowieza (ISBN 83-900635-0-6).
Veränderungen gegenüber der Erstauflage
Gegenüber der Erstauflage wurde nicht nur die Covergestaltung verändert: in der hier vorliegenden 2., neu bearbeiteten Auflage wird die Bearbeiterin Dagmar Langwald nun auch als Koautorin genannt, und ihre Anmerkungen und Ergänzungen ziehen sich durch weite Teile des Buches.
Kaum verändert haben sich dagegen Umfang und Ausstattung des Buches: Aus zuvor 160 Seiten wurden nun 166, aus 75 Abbildungen wurden 72, davon zuvor 28 und jetzt 26 in Farbe. Aus zuvor neun Hauptkapiteln wurden nunmehr elf; die neuen Kapitel sind "Die Situation des Wolfes in Deutschland" (Kapitel 10; in der Vorauflage: "Nachwort von Dagmar Altmann-Langwald: Der Wolf in Deutschland") und "Die Situation in Europa".
Siehe auch
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Kommentare
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