Beziehung des Menschen zum Wolf
Zur Kulturgeschichte des Wolfes
Mensch und WildtierDer ›Wolf‹, oder vielmehr seine caniden Vorfahren<ref name="ftn321">In verkürzten Darstellungen wird häufig die phylogenetische Evolution von Canis übersehen, der sich bereits vor 4,5 bis 9 Mio. Jahren entwickelte; der moderne Wolf (Canis lupus) dominiert seit etwa 10.000 Jahren, während in dieser Zeit C. rufus verdrängt wurde und C. dirus sowie andere frühere Formen ausstarben; cf. Nowak 2003: 241 s.</ref>, zählte über Jahrtausende zu den ubiquitären Begleitern des Menschen; dessen Beziehung zum ›Wolf‹ war, ähnlich dem zu anderen Wildtieren wie Bären, Wildschweinen und Großkatzen, ein Unterlegenheitsverhältnis, da diese Tiere der unbeherrschten Natur immer größer, schneller oder stärker waren. Obwohl von Raubtieren eine Bedrohung ausging, bildeten sie als Fleisch- und Fellieferanten gleichzeitig auch eine Lebensgrundlage. Viele Kulturen integrierten ihre vierbeinigen Nachbarn in die Mythologien und entwickelten religiöse Beziehungen zur Tierwelt, die sich in vielfältigen bildlichen und schriftlichen Darstellungen manifestierten. Dem Wolf kommt dabei aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem domestizierten Haushund eine besondere Rolle zu, wenngleich eine Verwandtschaftsbeziehung nicht immer bewusst war<ref name="ftn322">Der Haushund stammt von »verschiedenen Arten von Schakalen, Wölfen und wilden Hunden« ab (Bölsche 1898: 763); ist »zweifellos eine Domestifikationsform des Goldschakals« (Lorenz 1950/2001: 12); in der Lexikografie erwähnt erstmals Meyer 71930: »Die Haushunde stammen von Wölfen ab« (danach oft).</ref>. Die Beziehung des Menschen zum ›Wolf‹ war so wechselhaft wie zu keinem vergleichbaren Wildtier; nicht zuletzt war kein anderes Raubtier einer konvergierend systematischen Ausrottung unterworfen<ref name="ftn323">Das erscheint umso erstaunlicher, als gerade das Wildschwein massive landwirtschaftliche Schäden verursacht und der Braunbär eine weitaus konkretere Bedrohung für menschliches Leben als ein Wolf darstellt. Natürlich ist der Wolf nicht die einzige Tierart, die durch den Menschen ausgerottet wurde – dazu zählen auch das Bison (cf. p. 62 unten) oder der in der Schweiz ausgerottete Fischotter; cf. Schumacher 2001: 123.</ref>.
Vorgeschichtliche Zeit und ›primitive‹ Kulturen: Verehrung und KoexisztenzIn der vorgeschichtlichen Zeit scheinen, ähnlich wie noch in heutigen indigenen Kulturen, animistische und totemistische Vorstellungen dominiert zu haben. Dabei wurde eine Abstammung von tierischen Vorfahren angenommen, und Tiere galten »als wichtige Quelle spiritueller Macht«<ref name="ftn324">Willis 2007: 233.</ref>. Der ›Wolf‹ ist aus unterschiedlichen Kulturkreisen sowohl als mythologischer Stammesbegründer wie auch als Totemtier oder persönlicher Schutzgeist überliefert. Indizien für ein ausgeprägtes Konkurrenz- oder gar Feindschaftsverhältnis existieren nicht, vielmehr scheint der ›Wolf‹ bereits vor etwa 500.000 Jahren zur regulären Jagdbeute gehört und zur Fleisch- und Fellgewinnung genutzt worden zu sein. Archäozoologische Funde weisen auch darauf hin, daß Hauswölfe bereits von späteiszeitlichen Jäger-Sammler-Kulturen gehalten wurden, die Domestizierung des Hundes also – im Gegensatz zu allen anderen Haustieren – bereits vor der Ausbildung der agrarischen Wirtschaftsweise begann<ref name="ftn325">Cf. Benecke 1994/2001: 68-77.</ref>; archäologische Funde belegen weiterhin, daß in der Stein- und Bronzezeit Hunde oder Wölfe mit Verstorbenen oder selbständig beigesetzt wurden<ref name="ftn326">Cf. Lorenz 2000: 257; für die Zeit um 5000 v. Chr. im westlichen Nildelta, neolithische Siedlung von Merimde-Benisalâme, cf. detailliert: von den Driesch/Boessneck 1985.</ref>.
Antikes Europa: Gegenseitige DuldungFür den ›Wolf‹ hatte dieser Mentalitätswandel in Spätantike und Frühmittelalter zunächst keine einschneidenden Auswirkungen. Dies änderte sich jedoch mit Durchsetzung der Dreifelderwirtschaft, Intensivierung der Viehhaltung und erneuter Zunahme der Bevölkerung um die Jahrtausendwende, durch die der Wolf weiter aus seinen angestammten Lebensräumen verdrängt wurde. Als Rückzugsgebiet dienten ihm jagdliche Bannwälder<ref name="ftn333">Durch den Jagdbann behielt sich der Landesherr die Nutzung des Bannwaldes vor.</ref> des Adels, in die sich auch andere Wildtiere zurückgezogen hatten; dort wurden sie zunehmend zur hochherrschaftlichen Freizeitgestaltung bejagt<ref name="ftn334">Cf. Zimen 2003: E17 s.; 390 s.</ref>.
Mittelalter:Konkurrenz,WolfsplagenKonkreter wurden Bedrohungen durch Wölfe in Folge des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648)<ref name="ftn344">Cf. Zimen 2003: 409; Schumacher 2001: 240.</ref>; Kampfhandlungen, Hungersnöte und Seuchen hatten bis zu zwei Drittel der Bevölkerung Europas vernichtet und damit zu einem Nahrungsüberangebot für den Wolf geführt<ref name="ftn345">Cf. Blasius 1857: 183: »In Kriegszeiten ziehen die Wölfe den Heeren nach, um die gefallenen Menschen und Pferde aufzusuchen«.</ref>; die Folge könnte eine Zunahme der Wolfspopulationen gewesen sein, die zu den nun häufiger erwähnten großflächigen Wolfsplagen führte. Eine andere Ursache scheint in der Ausbildung der frühneuzeitlichen Regierungsform des Absolutismus zu liegen; die höfische Kultur umfasste auch groß angelegte Jagden, für die üppige Wildbestände erforderlich waren: Der ›Wolf‹ wurde in den herrschaftlichen Bannwäldern zum Konkurrenten absolutistischer Monarchen.
Da Wölfe vom Laien häufig nicht von anderen hundeartigen Wildtieren oder Hybriden unterschieden werden können, die Vorfälle meist nicht untersucht wurden und Canis lupus noch nicht einmal eindeutig als zoologische Art spezifiziert war, kann die Aussagekraft dieser Berichte bezweifelt werden.
| File:Wolf Berlin ca.1998 asb.jpg Abb. 13: Polarwolf (Canis lupus arctos). | File:Nauka PICT6908 2006 asb.jpg Abb. 14: Haushund »Nauka« (Samoyede). |
| Ein kleiner visueller ›Evidenzbeweis‹: Wer kann diese beiden Angehörigen der Familie der Hunde, womöglich bei Nebel, in der Dämmerung, bei Nacht oder aus größerer Entfernung sicher auseinanderhalten? Während Polarwölfe (links) für das Töten von Frauen und Kindern verantwortlich sein sollen, werden Samoyedenhunde (rechts) von dem gleichnamigen Volksstamm zu Kinderbewachung und -pflege genutzt<ref name="ftn348">Verwechslungen von Wölfen mit Hunden sind häufig dokumentiert, so bspw. von Ziemen 2003: 150 ss.; auch ergab eine stichprobenartige Untersuchung einiger der insgesamt 562 registrierten Raubtierattacken in Schweden aus dem Jahr 2006, die ursprünglich Bären, Wölfen und Luchsen angelastet worden waren, daß Haushunde für die Risse verantwortlich waren; cf. Herrmann 2007.</ref>. | |
Erfindung des WolfesDer Wolf als Canis lupus wurde 1758 durch den schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné erfunden<ref name="ftn351">Cf. cap. 6.1.7, »Linnaeus: Systema Naturae«, p. 220 s.</ref>, der erstmals eine systematische Verortung des Canis lupus im Kontext aller anderen damals bekannten Lebewesen vornahm. Natürlich hatte es auch schon vor Linnaeus Beschreibungen von wolfsartigen Lebewesen gegeben, mangels einer Übereinkunft über deren Benennung fehlte jedoch die Grundlage für vergleichbare Untersuchungen; daher waren zuvor diverse Tiere wie Hyäne, Luchs und Pavian – allesamt aus anderen Gattungen und Arten in Linnaeus’ binominaler Nomenklatur – als ›Wolf‹ oder ›Wolfsart‹ bezeichnet worden: der ›Wolf‹ war ein Konstrukt, das sich nur partiell auf unmittelbare naturkundliche Beobachtungen stützte, sondern alles subsumierte, was die Größe eines mittelgroßen Haushundes hatte, andere Tiere jagte und als »gefräßig« charakterisiert wurde. Mit dem Systema Naturae gab es erstmals eine Übereinkunft über qualifizierende anatomische Schlüsselmerkmale, die eine Typenbildung ermöglichte<ref name="ftn352">Die sog. idealistische Morphologie.</ref> und die sich in der emergierenden Zoologie als verbindlicher Konsens durchsetzte. Das Jahr 1758 stellt damit auch einen Wendepunkt für Aussagen über den Wolf dar: Erst danach besteht die Möglichkeit, daß sich Berichte über Wolfsangriffe und ähnliche Vorkommnisse tatsächlich auf den Wolf als Canis lupus beziehen.
Gleichwohl wurde mit Linnaeus’ Systema Naturae lediglich ein älteres, nicht mehr hinreichend intersubjektiv kommunizierbares und nun zunehmend als unbrauchbar aufgefasstes Konstrukt durch ein neueres abgelöst, das mit der Realität ebenso wenig zu tun hatte wie das alte: Linnaeus’ Systematik ging von einer göttlichen Schöpfung der Natur aus, implizierte eine Konstanz der Arten und verwandte daher Kategorien, die noch keine Stammesentwicklung kannten; es löste somit das ältere bedeutungsbasierte Wirklichkeitskonstrukt durch ein merkmalsbasiertes ab. Eine weiteres zoologisches Wirklichkeitskonzept entwickelte sich nach Charles Darwin und Ernst Haeckel, als die Evolutionsbiologie fachwissenschaftlich etabliert war: Mit der Kladistik<ref name="ftn353">Eine evolutionsbiologische Methodik, svw. ›phylogenetische Systematik‹.</ref> wurde begonnen, eine biologische Systematik phylogenetisch zu basieren<ref name="ftn354">Grundlegung in Grundzüge einer Theorie der phylogenetischen Systematik von Willi Hennig (1950), dann jahrelang in der Wissenschaft umstritten und sich derzeit durchsetzend.</ref>, was in der Konsequenz Linnaeus’ Kategorien wie die Familie obsolet machte. Auch die phylogenetische Systematik ist wieder explizit als Wirklichkeitskonstrukt gekennzeichnet, da sich eine Phylogenese nicht experimentell beweisen, sondern immer nur historisch rekonstruieren lässt.
Besiedelung derNeuen Welt mitalten IdeenMit der Besiedelung der Neuen Welt brachten Siedler die Einstellungen zum Wolf aus Europa mit; während es zwischen Indianern und heimischen Caniden wohl keinerlei ›Kriegsverhältnis‹ gab, schufen die Einwanderer Konflikte zwischen Natur und Zivilisation: Ab dem 18. Jahrhundert begannen die mit Schusswaffen ausgestatteten Siedler mit der Jagd auf Bisons, zunächst vornehmlich zur Deckung des Eigenbedarfs, ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur industriellen Weiterverwertung und Gewinnerzielung. Die auf etwa 60 Millionen Exemplare geschätzten Bestände schrumpften rapide, wobei das für die industrielle Verwertung in der Lederproduktion unbrauchbare Fleisch der erlegten Tiere liegen gelassen wurde – für die einheimischen Caniden eine bequeme Ergänzung des Speiseplans. Als Folge der Bisonjagd explodierten die Wolfspopulationen in Amerika, was auch hier zu ›Wolfsplagen‹ führte.
Vernichtung derBisonbeständeMit der Erschließung des Landes durch Eisenbahnlinien setzte eine Vernichtung der Bisonbestände ein: Vom Zug aus wurden Bisons geschossen, ein einziger ›Büffeljäger‹ wie der bekannte William F. Cody alias ›Buffalo Bill‹ konnte so pro Tag 50 bis 100 Exemplare erlegen – auch hier wurden die Kadaver liegen gelassen. Durch die systematische Vernichtung der Bisonbestände wurde gleichzeitig der indigenen Bevölkerung die Existenzgrundlage entzogen und ein Rückzug in Reservationen erzwungen. Aufgrund der mittlerweile massiv angewachsenen Wolfspopulationen wurde nun auch in der ›Neuen Welt‹ mit der Ausrottung der Wölfe begonnen, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen war.
ErneuterEinstellungswandelBereits ab Ende des 19. Jahrhunderts hatte jedoch auch ein Einstellungswandel gegenüber dem Wolf eingesetzt; die Romane Jack Londons<ref name="ftn355">Cf. Anhang, cap. 6.1.5, »Schöne Literatur«, p. 202 s.</ref> oder die Anfänge ökologischen Denkens bei Ernst Haeckel waren allerdings zunächst eher singuläre Phänomene. Charakteristisch für ökologisches Denken sind auch Beobachtungen des amerikanischen Forstwissenschaftlers Aldo Leopold:
My own conviction on this score dates from the day I saw a wolf die. We were eating lunch on a high rimrock, at the foot of which a turbulent river elbowed its way. We saw what we thought was a doe fording the torrent, her breast awash in white water. When she climbed the bank toward us and shook out her tail, we realized our error: it was a wolf. A half-dozen others, evidently grown pups, sprang from the willows and all joined in a welcoming melee of wagging tails and playful maulings. What was literally a pile of wolves writhed and tumbled in the center of an open flat at the foot of our rimrock.
In those days we had never heard of passing up a chance to kill a wolf. In a second we were pumping lead into the pack, but with more excitement than accuracy; how to aim a steep downhill shot is always confusing. When our rifles were empty, the old wolf was down, and a pup was dragging a leg into impassable side-rocks.
We reached the old wolf in time to watch a fierce green fire dying in her eyes. I realized then, and have known ever since, that there was something new to me in those eyes – something known only to her and to the mountain. I was young then, and full of trigger-itch; I thought that because fewer wolves meant more deer, that no wolves would mean hunters’ paradise. But after seeing the green fire die, I sensed that neither the wolf nor the mountain agreed with such a view<ref name="ftn356">Aldo Leopold (1887-1948), »Thinking Like a Mountain«, in: Leopold 1949: 129-133.</ref>.
Ökologie,Umwelt-, Natur-,Tier- und ArtenschutzÖkologischen Sichtweisen setzten sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der Wissenschaft durch<ref name="ftn357">Beispielsweise die Rolle des Wolfes als »Wildbestands-Regulator«, dokumentiert u.a. von Gustav Kirk; cf. Bornhalm 1977: 35 s.; Okarma/Langwald 22002: 75 ss.</ref> und flossen etwa ab den 1960er Jahren als aufkeimendes Umweltbewusstsein in die öffentliche Wahrnehmung ein; popularisiert durch die in den Industrieländern entstehenden Umweltbewegungen und neue ethologische Studien setzte ein grundlegender Wandel in der Beurteilung des Wolfes ein. Der ehemalige »Mörder und Räuber« wurde 1966 auf nationaler Ebene in Schweden und kurz darauf auch in Norwegen unter Schutz gestellt<ref name="ftn358">Bornhalm 1977: 35 s.</ref>; auf internationaler Ebene folgten das Washingtoner Artenschutzabkommen (1973), die Berner Konvention (1979) und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (1992). In Deutschland galt der Wolf als »nicht jagdbar« und offiziell ausgerottet. Durch breitere Kenntnis ökologischer Zusammenhänge wurden Wiederansiedelungsprojekte gestartet, um den Wolf wieder in die regionalen Ökosysteme einzuführen, darunter unter kontrollierten Bedingungen im Bayerischen Nationalpark (1970er Jahre) sowie im nordamerikanischen Yellowstone-Nationalpark (1980er Jahre). Auch in der öffentlichen Wahrnehmung der westlichen Industriegesellschaften wurde der Wolf immer weniger als Räuber und Schädling aufgefasst und fand schließlich auch Einzug in die Populärkultur<ref name="ftn359">Beispiele hierfür sind der Spielfilm Dances with Wolves (USA 1990), der nicht zuletzt auch in der Darstellung des Wolfes vom Bemühen um größtmögliche ›political correctness‹ gekennzeichnet ist, sowie die neuere Wolfsblut-Verfilmung White Fang (USA 1991).</ref>.
Handels- und Vermarktungsverbotefür WolfsfelleDie gesamte Art Canis lupus zählt in der Europäischen Union seit 1997 zu den streng geschützten Arten<ref name="ftn360">Cf. VO(EG) Nr. 338/97, Anhang A.</ref>; daher ist der Handel mit Wolfsfellen oder anderen Teilen dieser Tiere innerhalb der EU illegal und kann als Straftat verfolgt werden; darüber hinaus gilt ein strenges Vermarktungsverbot, was jegliche kommerzielle Aktivitäten ausschließt<ref name="ftn361">Auskünfte von Dipl.-Agr.-Ing Mario Sterz, Bundesamt für Naturschutz, Konstantinstraße 110, 53179 Bonn (E-Mail vom 4. Januar 2008) und Stefan Schmidt, Zoll-Infocenter, Friedrichsring 35, 63069 Offenbach am Main (E-Mail vom 9. Januar 2008).</ref>.
Studien zuWolfsangriffenVon Anfang des 21. Jahrhunderts stammen auch die ersten modernen Untersuchungen zu Angriffen von Wölfen auf Menschen: der Linnell-Report (2002) und der McNay-Report (2003); nach der Publizistin Elli H. Radinger bieten ausnahmslos alle ältere Studien keine wissenschaftlich überprüfbaren Daten<ref name="ftn362">Cf. hierzu Radinger 2004: 16 s.; 24.</ref>.
GegenwartStilisierung undMystifizierungDies ermöglichte dem scheuen Beutegreifer eine Rückkehr auch nach Mitteleuropa, ausgehend von Italien, Rumänien, Polen und Russland – also aus jenen dünn besiedelten Rückzugsgebieten, in denen der Wolf nicht vollständig ausgerottet worden war. Die zunächst vereinzelten Tiere, die nach Norwegen, in die Schweiz, nach Sachsen und mittlerweile auch Brandenburg einwanderten, wurden von der Bevölkerung überwiegend positiv aufgenommen. In Zusammenarbeit mit Tierschutzverbänden entstanden Konzepte für ein ›Wolfsmanagement‹, in dessen Rahmen auch eventuelle Wolfsschäden ausgeglichen werden sollen.
In Regionen, in denen Wolfsparks<ref name="ftn363">So bspw. der Wolfspark Merzig im Saarland, der Nationalpark Bayerischer Wald in Bayern oder der Yellowstone-Nationalpark in den USA.</ref> existieren oder in denen gar frei lebende Wölfe ansässig wurden, entwickelte sich ein regelrechter ›Wolfstourismus‹<ref name="ftn364">Radinger 2007b.</ref>, der den Einheimischen zusätzliche Einnahmequellen verspricht und die Akzeptanz weiter erhöht. »Den Wölfen geht es so gut wie nie«, resümierte die Journalistin und Wolfsaktivistin Elli H. Radinger daher Ende 2007 im Editorial des Wolf Magazin. Die Stimmung sei umgeschlagen »von total anti-Wolf zum extremen pro-Wolf«, aber mit der »momentanen Verglorifizierung des Wolfes« erweise man Tieren keinen Dienst, denn »wenn wir sie sehr hoch stellen, können sie auch tief fallen«<ref name="ftn365">Radinger 2007a.</ref>. Und letzteres dürfte nur eine Frage der Zeit sein, denn der Wolf eignet sich weder als Plüschtier noch als Ideal- oder Vorbild für den Zivilisationsmenschen, zu dem er gelegentlich stilisiert wird<ref name="ftn366">Obwohl eben dies jüngere Literatur aus dem Bereich der Management- und Unternehmensberatung suggerieren möchte; cf. bspw. Johannes Voss, Die Führungsstrategien des Alphawols – Ideenpool für Manager, Hanser 2007.</ref>: Canis lupus verfügt zwar durchaus über ein differenziertes und komplexes Sozialverhalten, jedoch, so Erik Zimen: »Eine Solidarität der Schwächeren und Unterdrückten gibt es bei den Wölfen nicht«<ref name="ftn367">Zimen 2003: 172.</ref>.
AußereuropäischeKulturkreiseAuch in außereuropäischen Kulturkreisen spielt der Wolf eine Rolle<ref name="ftn368">Cf. auch cap. 6.1, »Arbeitsmaterial: Quellen des Wissens über den Wolf», p. 187 ss.</ref>, wobei die Quellenlage noch weitaus komplexer und schwerer zu bewerten ist<ref name="ftn369">Beispielsweise entschied sich Yuan Li, die Verfasserin einer komparativen Untersuchung zu den Motivkomplexen »Drache«, »Schlange« und »Fuchs« in deutschen und chinesischen Märchen, Sagen, Mythen und Fabeln, bewusst gegen die Berücksichtigung des Wolf, jedoch leider ohne ihre Auswahlkriterien näher zu begründen; cf. Li 2004: 10.</ref> und daher hier nur exemplarisch gestreift werden kann.
Das zoologische Trinomen für den Honshu-Wolf – Canis lupus hodophylax – verweist auf die ursprüngliche volkstümliche Sicht auf den Wolf als Beschützer des durch das Gebirge Reisenden<ref name="ftn372">Hodophylax, »Wegbeschützer«, zu altgr. οδος , »Weg, Reise« und φυλαξ, »Wächter«.</ref>. Daran anknüpfend wird der Wolf in der zeitgenössischen Literatur als Symbol für den Verlust einer früheren Beziehung Japans mit der Natur aufgefasst, die im Verlauf der Modernisierung verlorengegangen sei, so beispielsweise bei Kan’ichi Nomoto. Kaum etwas deutet dabei hin auf eine negative Wahrnehmung des Wolfs in Japan – vor der Öffnung zum Westen.
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