Quellen des Wissens über den Wolf
Zur Kulturgeschichte des Wolfes
Kenntnis- und WissensstandWas konnte der interessierte Bürger des 18. und 19. Jahrhunderts über Naturgeschichte wissen? Aus welchem Wissenshorizont heraus konstruierten die Autoren der enzyklopädischen Artikel ihren ›Wolf‹? Welche Kenntnisse und Vorstellungen konnten sie bei ihren Lesern voraussetzen? Welche Wissensquellen waren einem breiten, welche nur einem eingeschränkten Personenkreis zugänglich? Welche Bedeutung hatten die einzelnen Quellen für die Vorstellungen vom Wolf? Nicht alle diese Fragen können im Folgenden beantwortet werden, es sind jedoch Annäherungen möglich.
Der folgende kurze Überblick ermöglicht zunächst eine umrißhafte Abschätzung des Kenntnis- und Wissensstandes über den ›Wolf‹ in den jeweils relevanten Zeiträumen; dies erlaubt (a) erste Rückschlüsse auf die in den zu untersuchenden Enzyklopädien verwendeten Quellen und (b) das Herstellen von Verbindungen zwischen ihrem Bekanntwerden und der Aufnahme in das enzyklopädische Material. In Verbindung mit dem knappen Abriss der Beziehungen des Menschen zum ›Wolf‹ (cap. 3.1) lassen sich weiterhin (c) Themenbereiche aufzeigen, die in den Enzyklopädien behandelt oder auch übergangen werden.
Mit Hilfe dieser Vorarbeiten können in der nachfolgenden Untersuchung Gewichtungen, Schwerpunktsetzungen und Verzerrungen<ref name="ftn373">Gemeint sind hiermit Phänomene wie der Systemic bzw. Systematic Bias, also Verzerrungen, die sich aus inhärenten Eigenschaften eines Systems ergeben und die häufig nur durch unabhängige, also systemexterne Sichtweisen ersichtlich werden. Ein Systemic Bias kann sich in Enzyklopädien beispielsweise aus dem kulturellen Hintergrund, dem Kenntnishorizont, der Weltanschauung oder dem Geschlecht des Verfassers ergeben.</ref> in den enzyklopädischen Konstrukten operationalisiert werden<ref name="ftn374">Diese Operationalisierung folgt in cap. 4, »Der ›Wolf‹ in der Enzyklopädik« (p. 84 ss.).</ref>.
Quellen des WissensZu kaum einem Lebewesen wurde eine solche Fülle an Literatur geschaffen wie zum Wolf; eine umfassende Bibliographie, die auch historische Literatur umfasste und sich nicht auf bestimmte Sprachräume konzentrierte, würde Bände füllen<ref name="ftn375">Allein das Literaturverzeichnis in Bibikow 2003 zieht sich über elf dicht bedruckte Seiten von insgesamt 198 (cr. 6%); Mech/Boitani 2003: 57 Seiten Literatur von 448 (cr. 13%); dabei führen beide Werke praktisch ausschließlich Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, bei Bibikow überwiegen russische und osteuropäische Quellen, bei Mech/Boitani dagegen überwiegend englischsprachige.</ref>. Dabei speist sich nur ein Teil des Wissens über den Wolf aus verschrifteten Materialien; zu berücksichtigen sind zumindest folgende Felder relevanter Quellen:
- Vorchristliche Mythologie und Religion (cf. cap. 6.1.1, p. 187 ss.);
- Vorchristliche Literaturen (cf. cap. 6.1.2, p. 193 ss.);
- Bibel und Allegorese (cf. cap. 6.1.3, p. 196 ss.);
- Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden (cf. cap. 6.1.4, p. 200 ss.);
- Schöne Literatur (cf. cap. 6.1.5, p. 202 ss.);
- Sprichwörter und Redewendungen (cf. cap. 6.1.6, p. 203 ss.);
- Fachliteratur und Protoenzyklopädik (cf. cap. 6.1.7, p. 204 ss.).
Es folgt eine knappe Charakterisierung dieser Wissensquellen<ref name="ftn376">Der nachfolgende Abriss muß sich daher auf eine Grobskizze beschränken; ausführlichere Belege und Beispiele finden sich im Anhang, cap. 6.1, »Arbeitsmaterial: Quellen des Wissens über den Wolf«, p. 187 ss.), dort auch Ergänzungen, bspw. zu Bild- und Musikwerken (cap. 6.1.8, p. 224 ss.). Weitere potentiell relevante Wissensquellen wie Urkunden oder archäologische Funde werden hier bewusst nicht weiter behandelt, da ihre Rolle für die Erstellung von Enzyklopädie-Artikeln zu vernachlässigen sein dürfte.</ref>, die durch eine Einschätzung ihrer Relevanz für enzyklopädische Darstellungen ergänzt wird.
Vorchristliche Mythologie und ReligionVorchristlicheMythologieund ReligionDer Mythos verdichtet archetypische Vorstellungen einer Kultur und bietet Erklärungen für ›Welt‹; Mythen können Aufschlüsse geben über Ausdrucks-, Denk- und Lebensformen eines Volkes<ref name="ftn377">Bellinger 1989: 5.</ref>, wenngleich die Herkunft vieler mythisch fundierter Vorstellungen – zumindest heute – nicht immer bewusst ist.
Zumindest fünf Motivkomplexe können hinsichtlich des Wolfs unterschieden werden<ref name="ftn379">Die folgende Darstellung fasst nur Ergebnisse zusammen; ergänzende Hinweise finden sich im Anhang, cap. 6.1.1, »Vorchristliche Mythologie und Religion«, p. 187 ss.</ref>: (a) Tierkult und theriomorphe Gottheiten; (b) Totemtiere und heilige Tiere; (c) Gründungsmythen; (d) Wolfskinder sowie (e) Verwandlungsmythen, Werwölfe und Lykanthropie. In keinem dieser mythologischen Kontexte ist eine eindeutige moralische Konnotation des Wolfes erkennbar; das Wolfsbild zeigt allenfalls ambivalente Züge (germanische und keltische Mythologie). Tendenziell überwiegen Achtung oder gar Verehrung von Caniden sowohl bei den alten Ägypern als auch bei den indigenen Völkern Amerikas.
Ebenso eindeutig positiv wie die Kapitolinische Wölfin der römischen Mythologie scheint die Rolle der Wölfinnen Asena und Bozkurt in den alttürkischen, mongolischen und verwandten Mythologien gewesen zu sein: Sagenkreise mit ähnlicher Motivik leiten die Abstammung des Volkes von dem Wolf Börte cinu-a und einer Hirschkuh (Mongolen) oder der Wölfin Asena und einem Knaben (Göktürken) ab; sie berichten weiterhin von einem Wolf, der Göktürken bzw. Mongolen in ein verborgenes Tal führt (alttürk. Ergenekon, mongol. Ergene kün) und so vor der Vernichtung rettet; eine graue Wölfin – Bozkurt <ref name="ftn380">Auf diese mythologische Gestalt bezieht sich die heute noch aktive nationalistische türkischen Partei Milliyetçi Hareket Partisi (»Partei der Nationalistischen Bewegung«), deren Mitglieder sich als Bozkurtlar bzw. »Graue Wölfe« bezeichnen.</ref>– leitet deren Nachkommen Generationen später schließlich wieder aus dem Gebirge heraus. Die Fachliteratur<ref name="ftn381">So bspw. die Übersichtsdarstellungen Roux 1999 und Birtalan 2004.</ref> weist diesen ältesten türkischen Sagenkreisen eine überragende Bedeutung zu und charakterisiert die Rolle des Wolfes als überaus bedeutend. In keinem dieser Mythenkreise findet sich eine auch nur ansatzweise mit dem mittelalterlichen ›Erzwolf‹ vergleichbare Dämonisierung.
Als Vorgriff auf die nachfolgende Untersuchung der Konstruktion des Wolfes in populären Enzyklopädien ist hier festzuhalten, daß eine Reihe der leicht auffindbaren Wolfs-Mythen und -Sagen als bekannt und allgemein geläufig, andere dagegen als unbekannt und obskur gelten dürfen; die ›üblichen Verdächtigen‹ – nämlich die Bekannten – werden in den Enzyklopädien wiedergegeben, die Unbekannten dagegen nie. Es stellt sich also das Henne-Ei-Problem: Berücksichtigen Enzyklopädien ganze Sagen- und Mythenkomplexe nicht, weil sie unbekannt sind, oder sind sie unbekannt, weil sie in den einschlägigen Informationsquellen nicht wiedergegeben werden? Irrt die Fachliteratur, wenn sie den genannten Sagenkomplexen eine überragende Bedeutung zuweist, oder irren die Enzyklopädien in ihrer Materialauswahl?
VorchristlicheLiteraturenVorchristliche Literaturen sind von Interesse, da für die Lebewesen der Tierwelt keine oder andere Zuschreibungen gebräuchlich waren. Beispielsweise repräsentierte die Schlange in der griechischen Antike Asklepios, den Gott der Heilkunde (cf. Asklepiosstab), oder symbolisierte allgemein eine Beschützerin<ref name="ftn382">Pausanias berichtet in seiner Beschreibung Griechenlands von einer Schlange, die ein Kind vor einem Wolf beschützt; cf. Paus. X, 33, 9 und hierzu Fn. <ref name="ftn887"/>, p. <ref name="ftn887"/>.</ref>; in der späteren, christlich geprägten Literatur steht sie dagegen typischerweise als Sinnbild für Bosheit, Versuchung, Sünde und den Teufel<ref name="ftn383">Menzel 1854 II: 325.</ref>. Diese Veränderung der Vorstellungswelt lassen sich durch einen Vergleich der Darstellung in zeitgenössischen Nachschlagewerken und deren Quellen aufzeigen<ref name="ftn384">Auch hier können nur Ergebnisse zusammengefasst werden; eine Analyse der Belege – jeweils eine Textstelle aus Aischylos’ Orestie und Die Sieben gegen Theben sowie Platons Politeia und Sophistes sowie eine Reihe von Textstellen aus Pausanias’ Beschreibung Griechenlands – findet sich im Anhang, cap. 6.1.2, »Vorchristliche Literaturen«, p. 193 s.</ref>.
Die Fachlexikografie zur antiken Welt, beispielsweise der Kleine und der Neue Pauly, charakterisiert den Wolf, angeblich gestützt auf antike Quellen, als »roh und gefräßig« sowie als »gefährlichsten Schadensstifter« für »Landwirte und Hirten«; außerdem: »Im Vordergrund steht das Bild des Räubers [...]. Als Räuber ist er zugleich Mörder«<ref name="ftn385">Richter 1975/1979: 1387.</ref>. All dies sind jedoch typische Attribute der christlichen Allegorese, nicht der antiken Literatur. Drei transformative Prozesse werden hier erkennbar:
- Fundstellen aus der antiken Literatur werden als Beleg für Zuschreibungen angeführt, welche die entsprechenden Textstellen gar nicht hergeben (rhetorischer Sophismus). Paus. VI, 14, 8 kann allenfalls als Indikator dienen, daß der Wolf in der Spätantike als Raubtier bzw. Räuber, nicht jedoch als Mörder gesehen wurde<ref name="ftn386">Mord ist ein juristischer Terminus, der ein intentionales und planvolles Töten bezeichnet; davon ist jedoch bei Pausanias keine Rede, der ja nicht einmal sicher zu wissen glaubt, daß überhaupt ein Wolf für den Tod des Milon verantwortlich gewesen sei; cf. cap. 4.8.3, »Raub und Räuber«, p. 176, u. cap. 4.8.3, »Mord und Mörder«, p. 177.</ref>; Plat. rep. 3,415e belegt nicht den »gefährlichsten Schadensstifter«; Aischyl. Choeph. 421 und Hept. 1036 belegen nicht einmal das Charakterattribut »roh und gefräßig«.
- Ideologische Selektion der Belege (»Argumentum ad ignorantiam«). Auffällig ist weiterhin, daß aus einem guten Dutzend von Erwähnungen bei Pausanias nur ein Bruchteil in das Material der einschlägigen Fachlexikografie einfließt, nämlich vor allem der erwähnte angebliche Beleg für den ›Wolf‹ als »Mörder« sowie »die alte Vorstellung von Werwölfen [...], die meist durch Genuß von Menschenfleisch verwandelt werden«<ref name="ftn387">Richter 1975/1979: 1388.</ref> – auch diese Gruselgeschichten bilden eine grobe Verzerrung dessen, was die Quellen tatsächlich berichten<ref name="ftn388">Zu Verwandlungsmythen bei Pausanias: cf. Fn. <ref name="ftn886"/>, p. <ref name="ftn886"/>.</ref>.
- Deutende Übersetzung (»traduttore traditore«). Charakteristisch für den Umgang mit antiken Quellen ist eine bereits in der Übersetzung erfolgende Deutung und, wie im Falle des Pausanias, inhaltliche Entstellung<ref name="ftn389">Zur grundsätzlichen Problematik von Übersetzungen: cf. Schweikle 1990b.</ref>. Bei Droysens freier Übersetzung von ›ωμοφρων‹ mit »blutdürstig« ist nicht klar nachvollziehbar<ref name="ftn390">Ohne weitere Nachforschungen ebenfalls ein klassisches ›Henne-Ei-Problem‹.</ref>, ob Droysen sein Attribut wählt, weil ›man‹ dem Wolf diese Eigenschaft ohnehin schon zuschreibt (Kollokation, Klischee), oder ob er damit die Zuschreibung im Kontext der antiken Literatur sogar geprägt oder lediglich verstärkt hat; die Argumentation rückt dadurch jedoch in die Nähe einer Tautologie bzw. eines Zirkelschlusses.
Diese Beispiele ließen sich um eine Fülle weiterer Erwähnungen ergänzen<ref name="ftn391">Weitere Fundstellen: cf. Fn. <ref name="ftn861"/>, p. <ref name="ftn861"/>.</ref>, das Gesamtbild änderte sich dadurch nicht: Der Antike waren teuflische Wolfsdämonen fremd. Bei den Beschreibungen handelt es sich nahezu ausnahmslos um sachliche Schilderungen ohne moralische Konnotationen. Delikat erscheint hierbei weniger, daß der Wolf im Mittelalter durch allegorische Deutung zu einem Dämon stilisiert worden war, sondern daß diese Verzerrungen bisher nicht aus dem wissenschaftlichen Diskurs entfernt wurden<ref name="ftn392">Hier exemplarisch gezeigt für die wissenschaftliche Fachlexikografie.</ref>.
Bibel und AllegoreseDie Bibel zählt zu den wichtigsten Quellen des christlichen Abendlandes für enzyklopädische Vorstellungen vom ›Wolf‹; sie war seit der Spätantike in einer lateinischen Übersetzung (Vulgata) und seit dem 16. Jahrhundert auch in einer deutschen Übersetzung verfügbar (Lutherbibel). Die »unumstößliche Autorität der Bibel und der Kirchenväterliteratur«<ref name="ftn393">Heß 2004: 48.</ref> setzte sich zumindest bis in die enzyklopädische Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts fort.
Wirkungsmächtig war dabei insbesondere die bibelexegetische Literatur, in der biblische Gleichnisse erklärt und gedeutet wurden. Die für das mittelalterliche Denken charakteristische Interpretation von Sachverhalten und Dingen im Sinnsystem der Bibel sowie deren Deutung in der Allegorese war zwingende Grundlage für jede Enzyklopädie; etwas anderes hätte auch der kirchlichen Logik widersprochen – das Buch der Bücher gab es ja bereits, also konnte es nur noch Ziel des Wissensstreben sein, dieses zu erschließen, zu verstehen und damit das göttliche Buch der Natur zu deuten<ref name="ftn394">Cf. bspw. Schierbaum 2005: 3.</ref>. Die Allegorie »verbildlicht einen abstrakten Begriff oft durch Personifikation«<ref name="ftn395">Gruber 2003: 420.</ref>; es handelt sich um eine tropische Figur der Rhetorik, die einen Gedankensprung vom Gesagten zum Gemeinten erfordert und die für den heuten Leser nur noch schwer nachvollziehbar ist. Dennoch entwickelte sich die Allegorese zu einem »hermeneutischen Auslegungsprinzip«, das »die ganze Exegese« umfasste<ref name="ftn396">Rädle 2003: 421.</ref>. Daher konnte im Mittelalter »ein Text oder ein sprachliches Zeichen über seinen wörtlichen Sinn hinaus weitere Bedeutungen enthalten«<ref name="ftn397">Glier 2003: 423.</ref>.
Auch die Tierwelt wurde in der Allegorese gedeutet und damit erklärt; für den Wolf leitet dies die Dämonisierung als ›Erzwolf‹, als Widersacher Gottes und jedes Christenmenschen ein. Anlaß dafür bot nicht eine besonders häufige Erwähnung dieses Tieres in der Bibel, sondern vielmehr das, was aus biblischen Gleichnissen herausgelesen wurde<ref name="ftn398">Ausführlicher hierzu: Anhang, cap. 6.1.3, »Bibel und Allegorese«, p. 196 ss.</ref>: Wölfe fressen Schafe<ref name="ftn399">Mt X, 16; Joh X, 12; Apg XX, 29; Sir. XXIII, 17.</ref>, das junge Schaf verkörpert als Agnus Dei den Heiland<ref name="ftn400">Menzel 1854 II: 5.</ref>, wer das Lamm Gottes frisst, muß böse sein; Schafe sind »Sinnbild der Frommen«<ref name="ftn401">Menzel 1854 II: 317.</ref>, wer sie bedroht, will Christen um ihren Glauben bringen; der Wolf ist blutgierig und verwüstend<ref name="ftn402">Jer V, 6; Ez XXII, 27; Joh X, 12; Apg XX, 29.</ref>, gefräßig und unersättlich<ref name="ftn403">Zef III, 3.</ref>; er steht als Sinnbild für Ketzer oder verführerische Lehrer und falsche Propheten<ref name="ftn404">Mt VII, 15; Joh X, 12; Apg XX, 29.</ref> (»Wölfe in Schafskleidern«), Tyrannen, Verfolger der Frommen und falsche Richter<ref name="ftn405">Ez XXII, 27; Zef III, 3; Hab I, 8; Jer V, 6; Mt X, 16.</ref>, untreue Freunde und Gottlose, die bekehrt werden sollen<ref name="ftn406">Es II, 6; Es LXV, 25.</ref>. Nicht zuletzt steht er sinnbildlich für Benjamin<ref name="ftn407">Gen. XLIX, 27.</ref>, einen der zwölf Stämme Israels, der von anderen israelitischen Stämmen niedergemetzelt wurde<ref name="ftn408">Was in Ri XIX, 11 bis XXI, 25 geschildert wird, liest sich fast wie eine Handlungsanweisung zur Ausrottung des Wolfes (»Das Verbrechen der Leute von Gibea«; »Starrsinn der Benjaminiten«; »Niederlage und Ausrottung Benjamins«) mit anschließender Wiederansiedelung unter kontrollierten Bedingungen (»Der Mädchenraub von Schilo«).</ref>. Praktische Beispiele für die Anwendung der mittelalterlichen Allegorese bieten die Naturbeschreibungen des Physiologus und der späteren Bestiarien<ref name="ftn409">Cf. cap. 6.1.7, »Physiologus« (p. 208); cap. 6.1.7, »Weitere Bestiarien« (p. 210); zu den Auswirkungen des Mentalitätswandels auf den Wolf cf. cap. 3.1, »Beziehung des Menschen zum Wolf« (p. 56 ss.).</ref>.
Diese Veränderungen in der christlich geprägten mittelalterlichen Vorstellungswelt hatten weit reichende Konsequenzen; sie leiteten nicht nur einen grundlegenden Mentalitätswandel ein und schufen die weltanschaulichen Grundlagen für die spätere Ausrottung des Wolfes, sondern definierten auch das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt neu: »Durch Zerstörung des heidnischen Animismus ebnete das Christentum der Ausbeutung der Natur den Weg, weil es den Menschen gleichgültig gegen ihre Geschöpfe machte«<ref name="ftn410">Lynn White Jr.: Die mittelalterliche Technik und der Wandel der Gesellschaft. München 1968, zit. in: Hays 1972: 36.</ref>.
Sagen, Märchen,
Fabeln und LegendenDie aus der Antike stammenden Tierfabeln von Äsop und Phaedrus sind bevölkert von Krähen, Fröschen, Eseln, Schafen, Kühen, Löwen, Hunden und natürlich auch von Wölfen; Tiere werden hier als Sinnbilder menschlicher Eigenschaften und Handlungen eingesetzt, jedoch ursprünglich nicht allegorisch gedeutet. Die einschlägigen Fabeln waren durch das gesamte Mittelalter hindurch und bis in die Neuzeit geläufig, wurden häufig ediert und intensiv rezipiert. Auch hier werden inhaltliche Umgestaltungen erkennbar.
Gleichzeitig illustriert der im deutschsprachigen Raum vergleichsweise unbekannte russische Sagenkreis um Iwan und den Feuervogel exemplarisch, daß sich das Wolfsbild in einem anderen kulturellen Kontext auch vollkommen anders entwickeln kann; das erstaunt ganz besonders, da Russland schon immer besonders große Wolfspopulationen aufwies, also potentiell besonders stark von Wolfsangriffen und -schäden betroffen gewesen sein müßte. Weiterhin stellt sich durch Iwan und den Feuervogel erneut die Frage, warum dieser in Russland bekannte und bis ins 19. Jahrhundert auch häufig bildlich dargestellte Sagenkreis bei uns so unbekannt ist.
›Schöne Literatur‹:Drama, Romanund GedichtDer ›Wolf‹ war in den mitteleuropäischen Literaturen in mannigfaltiger Gestalt immer gegenwärtig, allerdings jedoch wohl nie omnipräsent. Das Spektrum reicht von volkstümlichen Erzählungen und Fastnachtsspielen über Romane bis hin zu poetischen Werken; zahllos sind die motivischen, metaphorischen oder auch nur peripheren Verwendungen bei Goethe, Schiller, Heine, Hoffmann, Busch, Tucholsky usw. – kaum ein Schriftsteller schreibt nicht irgendwo ein paar Zeilen über den Wolf. Die Rollen, in denen der Wolf hier in Erscheinung tritt, sind schillernd und vielfältig; sie reichen vom Objekt der Jagd und der Bedrohung für Schafherden über den Kindesräuber bis hin zum hilfreichen Werwolf und Ziehvater für Findelkinder<ref name="ftn412">Ausführlicher hierzu cf. Anhang, cap. 6.1.5, »Schöne Literatur«, p. 202 ss.</ref>; entsprechendes gilt für die metaphorischen Verwendungen.
Den belesenen Lexikografen dürfte zumindest ein Teil dieser Literatur bekannt gewesen sein, es kann jedoch angenommen werden, daß die konkreten Einflüsse auf die enzyklopädische Darstellung des Wolfes aufgrund ihrer Fülle und ihres uneinheitlichen Charakters zu vernachlässigen sind.
Sprichwörter undRedewendungenSprichwörter und Redewendungen sind häufig Sprachbilder, die – wie das visuelle Seherlebnis<ref name="ftn413">Cf. Schuck-Wersig 1993.</ref> – nicht nur auf sprachlicher Ebene wirken, sondern Assoziationen wecken, Emotionen hervorrufen und Vorstellungen schaffen können; metasprachliche Bildwelten erscheinen häufig evidenter als einfache sprachliche Botschaften und werden daher auch seltener hinterfragt. Viele vermeintliche Kenntnisse über Tiere stammen auch aus Sprichwörtern, die einem Tier bestimmte Eigenschaften zuschreiben<ref name="ftn414">Cf. hierzu: Anhang, cap. 6.1.6, »Sprichwörter und Redewendungen«, p. 203 s.</ref>.
Ein Beispiel hierfür ist die in vielen Sprachen zu findende Sentenz »Lupus in fabula!«<ref name="ftn415">»Wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit«, Büchmann 1864/s.a.: 212.</ref>. Diese Formulierung aus Terentius’ »Adelphi«<ref name="ftn416">Ter. Ad. 4,1 (cf. Terenz 1977); andere Quellen nennen fälschlich Cic. Att. 13,33.</ref> geht auf eine uralte Furcht vor der Bannkraft (Fascinatio) des Wolfes zurück: Wer den Wolf erblicke, müsse verstummen. Genauer: Wer zuerst vom Wolf gesehen werde, verliere die Sprache. Schon der iranische Gott Haoma soll daher um die Gnade gebeten haben, den Wolf zuerst sehen zu dürfen<ref name="ftn417">Zu Haoma: Bellinger 1989: 175; Bannkraft des Wolfes: HdAb 1927-1942/2000 IX: 766.</ref>; entsprechende Vorstellungen ziehen sich bis in die Neuzeit durch den Volks- und Aberglauben zahlreicher europäischer Völker<ref name="ftn418">Weitere gleichbedeutende Sprichwörter und Redewendungen: cf. cap. 6.1.6, p. 203 s.</ref> und finden ihren literarischen Niederschlag beispielsweise in Plinius’ Historia naturalis<ref name="ftn419">Plin. nat. hist. VIII, cap. 34, §80 (Plinius 1881/2007 I: 456); cf. cap. 6.1.7, p. 207 s.</ref> und den Bestiarien des Mittelalters, so in Isidor von Sevillas Etymologia<ref name="ftn420">Isid. orig. Buch XII, 2:23-24; cf. cap. 6.1.7, »Etymologiae/Origines«, p. 209.</ref> und im Buch der Natur Konrad von Megenbergs<ref name="ftn421">Konr. Meg., Nat., III, 42; cf. cap. 6.1.7, »Buch der Natur«, p. 215.</ref>. Eine bemerkenswerte Transformation dieser Redensart vollzieht sich bei jüngeren englischen, niederländischen und deutschen Fassungen; hier heißt es dann nicht mehr: »Sprich vom Wolf, so erscheint er«, sondern beispielsweise »Wenn man den Teufel nennt, kommt er g'rennt«<ref name="ftn422">Cf. 6.1.6, »Sprichwörter und Redewendungen«, p. 203 und Röhrich 1973/2006: 1611.</ref>.
Als Elemente der symbolischen Kultur finden Sprichwörter und Redewendungen Eingang in viele enzyklopädische Nachschlagewerke, entweder als lemmatisierte Redewendung, so ›Inter canem et lupum‹ bzw. ›Entre chien et loup‹<ref name="ftn423">Cf. Anhang, cap. 6.9.1, »Lemmatisierung des Begriffsfeldes ›Wolf‹«, p. 262 ss.</ref>, oder eingearbeitet in den Artikeltext eines anderen Stichworts, wo sie beispielsweise als Beleg für eine bestimmte Eigenschaft dienen<ref name="ftn424">So bspw. die aphasische Wirkung des Vom-Wolf-erblickt-Werdens, die Zedler in der Beschreibung der »Uebrigen Eigenschaften des Wolfes« (und nicht in den Abschnitten »Sprüchwörter« oder »Aberglauben vom Wolffe«) tradiert; cf. cap. 6.9.2, p. 266 ss.</ref>.
Fachliteratur undProtoenzyklopädikDie Verfasser von Enzyklopädien bedienten sich ausgiebig am Material vorbestehender Nachschlagewerke; auch hier reicht das Quellenmaterial bis weit in die Antike. Die wirkungsmächtigsten Schriften für naturkundliches Wissen waren bis in die frühe Neuzeit Aristoteles’ Historia animalium (4. Jh. v. Chr.) und Plinius’ Historia naturalis (um 79). Speziell für den Wolf sind noch drei unterschiedliche, zwischen dem fünften vor- und dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert entstandene, jedoch alle Kynegetikà genannte ›Jagdbücher‹ von Xenophon, Arrian und Oppian erwähnenswert<ref name="ftn425">Ausführlicher zu den Werken von Xenophon, Arrian, Oppian, Aristoteles und Plinus: cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Protoenzyklopädik und Fachliteratur«, p. 204 ss.</ref>.
Eine Fülle von Angaben aus diesen Werken findet sich nicht nur in den Enzyklopädien der frühen Neuzeit<ref name="ftn426">So bspw. im Zedler; cf. cap. 4.2.3, »Zedler: Enzyklopädische Bearbeitung«, p. 94 ss.</ref>, sondern überraschenderweise auch noch in denen des 19. Jahrhunderts – so beispielsweise die Angabe, Wölfe paarten sich nur an genau zwölf Tagen des Jahres. Beachtenswert ist dabei nicht nur, wie lange sich protozoologisches Wissen in den vermeintlich modernen Nachschlagewerken hielt, sondern auch, welche Wissensbestandteile entfielen; so wurden beispielsweise Aristoteles’ detaillierte Angaben über Fortpflanzungsorgane und Paarungsverhalten der Wölfe in den Universalenzyklopädien der nachfolgenden Jahrhunderte nahezu restlos getilgt.
Physiologus undBestiarienDie wichtigsten frühchristlichen Quellen für naturkundliches Wissen bilden
- der in mannigfaltigen Bearbeitungen und Übersetzungen verbreitete Physiologus (2. Jh.)<ref name="ftn427">Ausführlicher zum Physiologus: cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Physiologus«, p. 208 s.</ref>;
- eine Fülle von Bestiarien wie das XII. Buch aus Isidor von Sevillas Etymologiae/Origines (6./7. Jh.), Honorius Augustodunensis’ De bestiis et aliis rebus (11. Jh.) sowie die Bestiaren aus Aberdeen (12. Jh.), Ashmole (12./13. Jh.) und Northumberland (13. Jh.);
- eine Reihe von auf die Bestiarien zurückgehenden Werken wie Albertus Magnus De animalibus (13. Jh.) und Konrad von Megenbergs Buch der Natur (14. Jh.).
Allen diesen Werken gemein ist die Beschreibung von Tieren bei gleichzeitiger allegorischer Deutung: Die moralische Erklärung angeblicher Charaktereigenschaften erreichte in dieser Zeit ihre stärkste Ausprägung. Auf der Basis des Physiologus und der Bestiarien entstand praktisch die gesamte naturkundliche Literatur des Mittelalters, die wiederum bis weit in die Neuzeit hineinwirkte.
Bereits Isidor stellte in seinen Etymologiae eine Reihe von Eigenschaften des ›Wolfes‹ zusammen; er sei räuberisch und blutgierig, und wenn er einen Menschen zuerst erblicke, verliere dieser die Sprache<ref name="ftn428">Cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Isidor von Sevilla: Etymologiae/Origines«, p. 209 s.</ref>. Noch ein halbes Jahrtausend später finden sich dieselben Angaben, teilweise in wörtlicher Übernahme, in Werken wie dem Bestiarium Aberdeen<ref name="ftn429">Cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Aberdeen-Bestiarium (12. Jh.)«, p. 211 ss. (mit Originaltext).</ref> oder in Megenbergs Buch der Natur. Letzterer vergaß weder die aphasische<ref name="ftn430">Aphasie (zu altgr. αφασία, »ohne Sprache«), eine Sprachstörung, Sprachverlust.</ref> Wirkung des Wolfes noch die Angabe, er würge – also töte – mehr als er fressen könne<ref name="ftn431">Ausführlicher zu den Werken von Albertus Magnus und Konrad von Megenberg: cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Protoenzyklopädik und Fachliteratur«, p. 204 ss.</ref>.
Conrad Gesner:Historia animalium[Thierbuch](1551-1558)Erst Conrad Gesner leitete mit seiner Historia animalium (16. Jh.) einen behutsamen Ablösungsprozess von der mittelalterlichen Allegorese ein; ähnlich wie im gleichnamigen Werk seines Zeitgenossen Ulisse Aldovandi wurde zwar noch mancherlei überliefertes Material, Fabelwesen eingeschlossen, übernommen, jedoch fanden sich auch wieder akkurate Tierbeschreibungen. Gleichwohl blieben die Werke von Gesner und Aldrovandi weitgehend durch Sammelleidenschaft angetriebene Kompilationsarbeiten aus vorbestehendem Material.
Den ›Wolff‹ beschreibt Gesner als »räubig / schädlich / freßig chier / wird gar nah von allen anderen gehasset unnd geflohen / ist jedermann bekannt«. Bei der Beschreibung liefert er eine Fülle von bekanntem Material: Der Wolf habe vorne fünf und hinten vier Zehen, er paare sich an zwölf Tagen im Jahr (Aristoteles) und er überquere einen reißenden Fluß, indem er dem Vordermann in den Schwanz beiße (Aelianus). Daneben führt er die angebliche aphasische Wirkung an (Plinius), erwähnt jedoch auch:
»Wiewohl der Wolff ein räubig / fräsig thier / hat er doch seine jungen so lieb / das er sie speiset / die alten und die jungen«.
Gesner kennt auch eine Reihe von volksmedizinischen Verwendungen der Körperteile des Wolfes: Das Wolfsblut hilft gegen das »grimmen im bauch«, das Wolfsschmalz kann wie Hundeschmalz verwendet werden, Wolfszähne »helffen den mondsüchtigen menschen« und »machen die junge kinder ohne arbeit zanen«, das Wolfsherz »vertreibt die fallende sucht«, Wolfsleber heilt Husten und Wassersucht usw. – Rund zwei Jahrhunderte später wird der Zedler die lange Liste stellenweise fast wörtlich übernehmen und auch weiter ergänzen.
Als Typen kennt Gesner »fünff geschlecht der wölffen«, die er Oppians »drittem buch« entnimmt<ref name="ftn433">Gemeint ist wohl die Κυνηγετικά; durch Eingrenzung auf das dritte Buch verbleiben acht Textstellen (III, 263; 282; 287; 293; 303; 318; 336; 393); cf. cap. 6.1.7, p. 205 ss.</ref>, nämlich »Schützwolf«, »Raubwolf, zwei Varietäten des »Booswolfs« sowie als fünften: »der schönst auß allen / wird gülden genent«. Außer diesen ›Unterarten‹ nennt Gesner noch sieben »Thiere so under das geschlecht der wölffe von den alten geschichteschreibern gezehlt werden«, nämlich »Thoes« (thos), »Luchs« (Lupus Ceruarius), »Grimklauw« (Lupus Scythicus), »Vilfraß« (Hyæna, Grabthier), »Berwolff« (Pauyon, Paupon, Babuin, Nachtwolff, Hundswolff, Affenwolf), »Vielfraß« (Gulo) und »Meerwolf« (Lupus Marinus). Die letzgenannten sieben Tiere illustriert Gesner zwar mit Bildmaterial, belegt sie jedoch nicht mit Fundstellen<ref name="ftn434">Ältere Ausgaben der Historia animalium können eine andere Gliederung aufweisen.</ref>; sie werden heute nicht mehr zu den Wölfen gezählt, allerdings erlaubt Gesners Kombination aus Synonymnamen, Abbildung und Beschreibung auch dem heutigen Laien noch zu identifizieren, was vermutlich gemeint war.
Ebenso als Kompilationswerk war Jan Jonstons Historia naturalis (17. Jh.) angelegt. Hatten sich Gesner und Aldrovandi vor allem um Tierbeschreibungen bemüht, brachte Jonston neue Ziele in sein Werk ein: Er wollte nicht nur naturkundliches Wissen durch didaktische Aufbereitung des Stoffes popularisieren, sondern sah auch eine Eignung für kurzweilige Tafelgespräche – die Konversation. Auch formal brachte Jonston eine Neuerung in die protozoologischen Enzyklopädien ein: Sein fünfbändiges Werk war reich bebildert<ref name="ftn435">Ausführlicher zu den Werken von Gesner, Aldrovandi und Jonston: cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Protoenzyklopädik und Fachliteratur«, p. 204 ss.</ref>.
Carl von Linné:Systema Naturae(11735/101758)Gänzlich andere Ziele verfolgte Carl von Linné mit seinem Systemae naturae (18. Jh.); er schuf die Grundlagen einer eindeutigen Nomenklatur für Lebewesen, indem er einen Merkmalskatalog entwickelte und mit Bi- und Trinomen allen bekannten Tieren und Pflanzen eindeutige Bezeichnungen zuordnete. Diese Nomenklatur löste auch eins von Gesners Grundproblemen: Das einer nachvollziehbaren Systematik<ref name="ftn436">Ausführlicher zu Linné und zur Bedeutung seiner zoologischen Systematik: cf. Anhang, cap. 6.1.7, »Protoenzyklopädik und Fachliteratur«, p. 204 ss.</ref>.
Die emergierende Wissenschaft der Neuzeit befand sich im Widerstreit zwischen dem Wunsch nach Erweiterung des Wissenshorizonts, der »Vergangenheit des menschlichen Wissens als einer nun weithin diskreditierten Vorgeschichte«<ref name="ftn437">Blumenberg 1983: 69.</ref>, dem Erschrecken vor der eigenen Courage, kirchlichen Bedrängnissen und den noch immer virulenten überkommenen Vorstellungen. Aus der Naturgeschichte (historia naturalis) entwickelten sich die Anfänge der Naturwissenschaften im modernen Verständnis; mit Francis Bacon begann eine reflektierte Ausweitung der wissenschaftlichen Disziplinen; mit Galileo Galilei erhielten Mathematik und Empirie einen neuen Stellenwert gegenüber der Anrufung alter Autoritäten; mit René Descartes und Isaac Newton wurden die Grundzüge für die rationalistische Methodik gelegt; die neue Wissenschaftlichkeit wurde eine ›gemeine‹, Angelegenheit, im Gegensatz zu individueller ›Weisheit‹ und den mittelalterlichen Arkana: »Für den Gelehrten gibt es an der Wende zum 17. Jahrhundert [...] keine Legitimation mehr für eine Geheimhaltung von Wissen«<ref name="ftn438">Giesecke 1991/1998: 673.</ref>. Wissen wurde von nun an typographisch gespeichert und über einen freien Markt verbreitet<ref name="ftn439">Giesecke op. cit.: 677.</ref>.
Durch gesellschaftliche Veränderungen entstand die bürgerliche Öffentlichkeit<ref name="ftn440">Zu Entstehung und Wandel von Öffentlichkeit in Deutschland: cf. Schiewe 2004.</ref>, und mit ihr auch der – relativ – freie Publikations- und Büchermarkt. In diesem Umfeld konnten sich die Anfänge von Aufklärung entwickeln: Der »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« führte zu einer »breit angelegten Popularisierung des Wissens«<ref name="ftn441">Alt 2002: 89.</ref>. In Frankreich erschien im Spannungsfeld zwischen Freigeistigkeit und staatlicher Zensur die Encyclopédie, welche den Naturwissenschaften einen den Geisteswissenschaften vergleichbaren Rang zubilligte und gleichzeitig mit dem Systême figuré eine unvergleichlich präzise Verortung des Wolfes sowohl im Kontext von ›Zoologie‹ wie auch von ›Naturgeschichte‹ leistete.
Das neue Wissenschaftsverständnis fand seinen Niederschlag in Johann Christian Daniel von Schrebers Die Säugethiere in Abbildungen nach der Natur mit Beschreibungen (18. Jh.), in der eine Bestandsaufnahme der gesamten Säugetierwelt nach den Linnéschen Ordnungskriterien vorgenommen wurde. Auf Schreber gehen auch einige noch heute gebräuchliche Taxa wie Canis lupus lycaon für den Timberwolf zurück. Ebenfalls neuartig war das bereits im Buchtitel angekündigte Bildmaterial: Schreber ließ seinen Kupferstecher, im Gegensatz zu Jonston, nicht auf vorbestehendes Material zurückgreifen, sondern forderte Abbildungen von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung.
Alfred Brehn:Illustrirtes Thierleben(11863-1869)Ähnlich stark an hochwertigem Bildmaterial orientiert war Alfred Edmund Brehms Illustrires Thierleben, das 1863 im Bibliographischen Institut erschien. Angesiedelt zwischen »tierkundlichem Volksbuch« und »naturwissenschaftlicher Prosa«<ref name="ftn448">Sarkowski 1976: 88.</ref> kolportierte Brehm zwar noch immer eine Fülle von protozoologischer Zuschreibungen, ging mit seinen Quellen jedoch stellenweise auch kritisch um. Vor allem jedoch lieferte er ausführliche Beschreibungen des Verhaltens der von ihm beschriebenen Tierarten, während sich frühere zoologische Literatur auf deren Anatomie konzentriert hatte; dadurch gelang es Brehm, ein breites Interesse für die Tierwelt außerhalb von Schlachthöfen und »Thierbuden« zu wecken. In der zoologischen Systematik bemühte sich Brehm um größtmögliche Klarheit, gab jedoch ergänzend auch noch die fünf Oppianschen Unterarten an, ebenso wie obskure Varietäten, zu denen er keine Trinomen nennen konnte.
Mit dem Brehm ging auch die Epoche der enzyklopädischen Naturbeschreibungen zu Ende; der Zuwachs an Fach- und Detailkenntnissen<ref name="ftn449">Ein Problem, mit dem bereits Mitte des 19. Jahrhunderts der Pierer zu kämpfen hatte: »[...] allein das gewaltige Fortschreiten der Zeit in allen Fächern des Wissens hat und überwältigt«; Pierer-Redaction 1846: III.</ref> machte umfassende Gesamtdarstellungen unmöglich – oder vielmehr wirtschaftlich untragbar. Populärwissenschaftliche Literatur zu einzelnen ›ansprechenden‹ Tierarten löste Überblicksdarstellungen mit wissenschaftlichem Anspruch im Stile des Brehm ab; bezüglich des ›Wolfs‹ wurde bis heute keine populärwissenschaftliche Veröffentlichung in deutscher Sprache auf den Markt gebracht, die den ›Wolf‹ auch nur annähernd so detailliert, umfassend und dabei noch allgemeinverständlich beschreibt wie Brehms Tierenzyklopädie aus dem 19. Jahrhundert.
Das letzte mit dem Brehm komparable Werk war die dreizehnbändige Tierenzyklopädie Grzimeks Tierleben (1967-1972), von denen insgesamt vier ›Säugetieren‹ gewidmet waren. Das sechsbändige Nachfolgewerk Grzimeks Enzyklopädie Säugetiere (1988) blendete dagegen die restliche Tierwelt aus und war hinsichtlich des Materialreichtums nicht mehr mit dem Brehm vergleichbar.
Im Bereich der zoologischen Fachwissenschaft setzte sich die Publikationstätigkeit dagegen kontinuierlich fort; publizistische Brücken zwischen Fachwissenschaft und dem Verständnishorizont eines interessierten Laien wurden ab etwa der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch kaum noch gebaut. Partiell substituiert wurden Werke mit monographischem Charakter vom ›Brehm-Typ‹ durch vereinzelte Beiträge in populärwissenschaftlichen Zeitschriften, denen jedoch der Gesamtüberblick und die Lokalisierung innerhalb der zoologischen Taxonomie fehlte. In die Bresche sprangen mehr schlecht als recht populäre Universalenzyklopädien, die für den heutigen zoologisch interessierten Laien praktisch die einzige Quelle von Übersichtsdarstellungen der gesamten Tierwelt darstellen – eine Rolle, die gedruckte Enzyklopädien aus offensichtlichen Gründen nicht zufriedenstellend ausfüllen können. Allein der Platzbedarf umfassender zoologischer Darstellungen würde den Umfang jedes kommerziellen Produkts unverkäuflich machen und die Zergliederung der alphabetischen Stoffanordnung die schlüssige Darstellung einer komplexen Systematik konterkarieren.
Niethammer/Krapp:Handbuch der Säugetiere Europas(1978-2005)Eine mit dem Brehm vergleichbare Ausdifferenzierung erreichte erst wieder das von Jochen Niethammer und Franz Krapp herausgegebene Handbuch der Säugetiere Europas, das allerdings noch enger als Grzimeks Säugetierenzyklopädie fokussiert war und nur noch den zoologisch vorgebildeten Leser adressierte. Der 1993 erschienene Teil I von Band 5 beschäftigt sich auf insgesamt 59 Seiten mit Canis lupus<ref name="ftn450">Peters 1993: 47-106.</ref> und ist in neun größere Hauptabschnitte untergliedert<ref name="ftn451">Ein Hauptabschnitt ist bei Niethammer/Krapp mikrostrukturell hervorgehoben durch Fettdruck des Abschnittstitels am Beginn eines neuen Abschnitts; Unterabschnitte sind gekennzeichnet durch Sperrung und können entweder am Absatzbeginn oder innerhalb des Fließtextes erscheinen; die Kapitelgliederung wird hier verkürzt wiedergegeben.</ref>:
- Diagnose. Karyotyp;
- Beschreibung. Fellfarbe; Schädel; Zähne; Postcraniales Skelett u.a.;
- Verbreitung. Terrae typicae u.a.;
- Merkmalsvariation. Sexualdimorphismus; altersabhängige, jahreszeitliche, geographische und biotopabhängige Variation; Unterartgliederung u.a.;
- Paläontologie.
- Ökologie. Habitat; Nahrung (Beutetierspektrum, Beutezusammensetzung, Jagdweise u.a.); Fortpflanzung; Populationsdynamik; Populationsdichte; Geschlechterverhältnis; Altersverteilung (Höchstalter); Überlebensrate; Todesursachen (Feinde); Nahrungskonkurrenten; Parasiten;
- Jugendentwicklung. Entwöhnung; Körpergewicht;
- Verhalten. Bewegungsweise; Aktivitätsmuster; Aktionsraum; Wanderungen; Baue; Jugendfürsorge; Signale; soziale Organisation u.a.;
- Literatur.
Der von Gustav Peters verfasste Artikel bietet (a) ein idealtypisches Muster für eine übersichtliche und stringente Artikelgliederung und dient für die Untersuchung der enzyklopädischen Konstrukte (b) als Referenz für einen Minimalkonsens des heutigen Kenntnis- und Wissensstandes in Bezug auf den ›Wolf‹ in Europa; die Publikation erschien vor rund anderthalb Jahrzehnten, hat selbst den Charakter eines aggregierenden und summierenden Nachschlagewerks – eine optimale Grundlage also für eine zeitgemäße enzyklopädische Darstellung.
|
|
|
|
|
|
|
| Titel | Typ | |
|---|---|---|
|
Schweizer Forschungsprojekt zur Akzeptanz von Raubtieren Forschungsprojekt, Kulturgeschichte, Sozialwissenschaft Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 42 Wochen zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 6 Wochen |
Ressource | |
|
Vorchristliche Mythologie und Religion –Zur Kulturgeschichte des Wolfes Kulturgeschichte, Mythologie, Religion Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 22 Wochen zuletzt bearbeitet vor 1 Jahr 16 Wochen |
Seite | |
|
Zusammenfassung –Zur Kulturgeschichte des Wolfes Kulturgeschichte Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 12 Wochen zuletzt bearbeitet vor 3 Jahre 9 Wochen |
Seite | |
|
Beziehung des Menschen zum Wolf –Zur Kulturgeschichte des Wolfes Kulturgeschichte Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 12 Wochen zuletzt bearbeitet vor 1 Jahr 16 Wochen |
Artikel | |
|
NABU und Partner aus Wolfsburg starten Wettbewerb Kulturgeschichte, Tierschutz Beitrag veröffentlicht vor vor 5 Jahre 16 Wochen zuletzt bearbeitet vor 4 Jahre 43 Wochen |
Artikel | |
|
Gertrud Scherf: Wolfsspuren in Bayern (2001) –›Kulturgeschichte eines sagenhaften Tieres‹ Heimatkunde, Kulturgeschichte, Sachbuch Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 43 Wochen zuletzt bearbeitet vor 2 Jahre 13 Wochen |
Publikation |



