Vorchristliche Mythologie und Religion

Zur Kulturgeschichte des Wolfes

Systematik: 
Zur Kulturgeschichte des Wolfes

Der Mythos verdichtet archetypische Vorstellungen einer Kultur und bietet Erklärungen für Welt; Mythen können Aufschlüsse geben über Ausdrucks-, Denk- und Lebensformen eines Volkes1, wenngleich viele im Mythos fundierte Vorstellungen – zumindest heute – nicht immer präsent sind. Alte Mythen speisen die (Hoch-) Kultur, und die (Trivial-) Kultur erzeugt neue Mythen. Zumindest vier Ebenen können unterschieden werden: Gründungsmythen. Wölfe spielen in den Gründungsmythen diverser Völker eine tragende eine Rolle, bspw. leiten Mongolen, Usbeken, Türken und Slowaken ihre Abstammung von Wölfen ab2;

  • Wolfskinder. Von Wölfen wurden Kyros, der Gründer des altpersischen Reiches, Tarkan, der Begründer des türkischen Volkes, die Gründungsväter Roms, Romulus und Remus und der deutsche Sagenheld Dietrich (Wolfdietrich) aufgezogen3;
  • Werwölfe. Bereits im Gilgamesch-Epos verwandelt die Göttin Ischtar einen Schäfer in einen Wolf4; in der griechischen Mythologie verwandelt Zeus Laokoon und seine Söhne in Wölfe5; Überlieferungen von Herodot und Plinius berichten über Wolfsmenschen (lykantropoi)6; in der germanischen Wölsungensage (= Wälsungen, Welsungen) können sich Sigmund und Sinfjötli in Wölfe verwandeln7.
  • Totemtier. Bei diversen Jägervölkern wie den Tlinkit, den Irokesen und den Turkmenen galt der Wolf als Totemtier8.

Auch in den alten polytheistischen Religionen treten Wölfe in Erscheinung, überwiegend in Verbindung mit Tierkulten: Ägyptische Mythologie. Upuaut, der Ortsgott von Siut bzw. Asyut im dreizehnten oberägyptischen Gau wurde als Schakal oder Wolf dargestellt und in Lykopolis verehrt9; Ägypten war er dem Osiris zugelegt (?). Griechische Mythologie. Als Wolfsgöttinnen werden Hekate und Leto bezeichnet10; in Arkadien wurde ein lykischer Zeus (Ζεύς Λυκαιον) verehrt und die λυκαια zelebriert11; auch Apollon verwandelte sich in einen Wolf (Ἀπόλλων Λυκαιος)12, und der Wolf war Phoebus Apollon zugeordnet13. Germanische Mythologie. Odin-Wodan wird von den Wölfen Geri (der »Gierige«) und Freki (der »Gefräßige«) begleitet und kann sich in einen Wolf verwandeln14; der Fenriswolf (= Fenrir) stammt von einem Gott ab und die Götter fürchten sich vor ihm; beim Weltuntergang wird er die Sonne verschlingen und im Kampf Odin töten15. Weitet man den Kreis der Betrachtung noch etwas aus, wird die Bedeutung von Caniden noch etwas deutlicher. In nördlichen Ländern (Norwegen, Baltikum, keltische Länder) soll der Wolf als »Tier des Lichts« gelten16; in den Mythologien der nordamerikanischen Indianer hilft der Wolfsverwandte ›Coyote‹ dem Silberfuchs bei der Schöpfung der Welt17; im antiken Ägypten wäre dann noch der schakals- oder hundeköpfige Totengott Anubis zu berücksichtigen, der in Kynopolis im 17. oberägyptischen Gau und auch in Lykopolis verehrt wurde18, während im griechischen Kerberos wohl eher hündische Wesenszüge überwiegen (›Höllenhund‹ als Bewacher des Tores zum Hades). Die mythische Bedeutung scheint hier zum einen mit der Stärke der Naturverbundenheit (Nomadenvölker, indigene Völker) und mit dem Alter der Kulte gekoppelt zu sein: Je älter die Kulte und Mysterien, desto präsenter scheint der Wolf gewesen zu sein. In keinem der hier exemplarisch angeführten Kontexte ist eine deutliche ethische Konnotation erkennbar, weder im positiven noch im negativen. Sofern es eine kultische Verehrung des Wolfes gab, war sie anscheinend regional eng begrenzt und stützt sich – zumindest in Griechenland – auf prähistorische Kulte. Weder in Ägypten, noch in Griechenland oder Rom hatte der Wolf eine zentrale oder dominierende Rolle in Mythologie oder Religion. Erst im näheren Verwandtschaftsumfeld des Wolfes treten bedeutende Wesenheiten auf, so der vermutlich schakalsköpfige Anubis der Ägypter oder der Kojote der nordamerikanischen Indianer; der domestizierte Haushund kann hierbei wohl – trotz äußerlicher Ähnlichkeiten – ausgeklammert werden, da eine Verwandtschaft dieser Lebewesen im Altertum wohl nicht angenommen wurde. Auch im weiteren Umfeld des Wolfes finden sich keine deutlich negativen Attribuierungen, eher das Gegenteil. Was davon (bereits/noch) in der Neuzeit bekannt war, kann hier nicht im Detail erörtert werden; mit Sicherheit waren jedoch die Gründungssage Roms sowie weite Teile der griechischen Mythologie allgemein bekannt und präsent. Zu den ältesten überlieferten Vorstellungen über Wölfe zählt die Beschreibung von Verwandlungen zwischen Mensch und Tier. Bereits Zwitterwesen aus Höhlenmalereien lassen sich entsprechend interpretieren, das älteste schriftliche Zeugnis bildet jedoch das Gilgamesch-Epos, in dem die Göttin Ishtar einen Schäfer in einen Wolf verwandelt19. Eine weitere Quelle für das Phänomen der Lykanthropie scheint aus dem skythischen Kulturkreis in die griechische Mythologie eingeflossen zu sein. kultischen Festen der Skythen zu suchen, bei deren Feierlichkeiten man sich mit einem wolfsgestaltigen Gott vereinte, indem man sich mit einem Wolfsfell bekleidete. Herodot (um 484 – um 424 v. Chr.) berichtet von kultischen Festen, bei denen sich – so habe er Skythen und dort lebenden Hellenen sagen gehört – »jährlich einmal jeder der Neuroi für wenige Tage in einen Wolf verwandet und sich dann wieder in den menschlichen Zustand zurückverwandelt«20; bereits Herodot äußert jedoch Zweifel an diesen Berichten, fährt dann jedoch ungerührt mit der Beschreibung von Menschenfressern (ἀνδροφάγοι) fort. Ebenfalls griechischen Überlieferungen entstammt der Lykaon-Mythos über jenen alten arkadischen König, der von Zeus in einen Wolf verwandelt wurde21; je nach Überlieferung wird Lykaon bestraft für das Opfern eines Kindes auf dem Lykaion oder das Auftischen von Menschenfleisch als Opfergabe an Zeus. Bestand hat der Werwolfglaube, der möglicherweise über die Skythen in die nordische Mythologie tradiert wurde und sich in Mitteleuropa zumindest bis in die frühe Neuzeit gehalten hat. Allerdings kennen auch zentral- und nordeurasische Mythen den Werwolf, so beispielsweise die der Saamen22. Im alten Ägypten gab es einen florierenden Tierkult und theriomorphe Gottheiten, darunter auch mehrere Caniden. Die Wolfsgottheit Upuaut (Wep-wawet) wurde als »Herr von Oberägypten« bezeichnet und in der Kultstätte Zauti (Si(o)ut oder Assiut) – in griechischen Berichten Lyko(n)polis, also ›Wolfsstadt‹ genannt23 – verehrt; es gibt Verschmelzungen mit Osiris und Anubis. Die Hieroglyphen wp-w’w.t bedeuten »Öffner der Wege« oder »Pfadöffner«24, was sowohl als Schützer der Toten (Totengott) als auch als Schützer der Lebenden (Kriegsgott) gedeutet wird25. Auch die für die ägyptische Religion zentrale Gottheit Anubis wird als Canide dargestellt, der meist als Wildhund oder Schakal gedeutet wird und – im Gegensatz zum stehenden Upuaut – liegend dargestellt wird. Hermann Kees weist darauf hin, dass in diese konkreten Deutungen »alle jene in der Natur infolge vielfacher Kreuzungen schwer zu unterscheidenden Arten der wilden Hunde einbegriffen sind«26; ähnliches deuten auch Knochenfunde auf Tierfriedhöfen an. Negative Konnotationen scheinen alle diese Gottheiten im alten Ägypten nicht gehabt zu haben;sie hatten ihren Platz im Totenkult, wo sie als Hüter der Jenseitswelt fungierten – einer Welt, an der sich das ganze Streben der wohlhabenden Ägypter orientierte. Das antike Griechenland kannte ebenfalls noch theriomorphe Gottheiten; so wurden beispielsweise die Hausgötter Zeus Ktesios, Zeus Meilichios 27und Agathos Daimon als Schlangen, Dionysos als Stier und die arkadische Demeter Melaina mit Pferdekopf dargestellt28. Bekannt sind auch zahlreiche theriomorphe Verwandlungsmythen, so beispielsweise die Verwandlung der von Poseidon verfolgten Demeter in eine Stute oder die bereits erwähnte des Pelasgossohnes Lykáon (Λυκάων) in einen Wolf durch Zeus. Belege für einen mit dem antiken Ägypten vergleichbaren Tierkult gibt es jedoch nicht29. Auch Lýkos (λυκος) war bei den Hellenen nicht nur ein Tier und der Name zahlreicher Heroen, sondern auch ein »attischer Gerichtsdämon, dessen Bild in Wolfsgestalt zur Ausstattung der attischen Gerichtsstätten gehörte« und der »die Strenge des Gesetzes« vertrat30. Der Bezug zum Wolf ist hier also offenkundig, während er bei den Namen verschiedener Helden in Abrede gestellt wird, da er »sich nur in wenigen Fällen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf einen alten Wolfs- oder Lichtgott oder aif den Wolf als Führer und Symbol von Exulanten [...] zurückführen« lasse31. In seiner Athener Zeit lehrte Aristoteles im so genannten Lýkeion [Lýkaion] (Λύκειον), einem Bezirk nordöstlich Athens mit Gymnasion und einem Heiligtum des Apollon Lýkeios [Apollo Lycaeus]32. Dieses Epitheton kann sich – und dies ist in der modernen Forschung umstritten – entweder auf den Wolf (λυκος), oder auf die kleinasiatische Region Lykia [Lykien]33 beziehen. Auf den Altphilologen Wilamowitz geht die Deutung des Epithetons als »der Lykier« zurück, während Kretschmer dies ablehnt und Apollon Lýkeios als »›Wolfsgott‹ und Nachfolger eines theriomorphen Lykaon-Lukurgos« deutet34. Eine Verehrung des Apollon Lýkeios als ›Wolfsgott‹ bedeutet jedoch noch lange keine Verehrung des Wolfes: Denkbar ist auch ein ätiologischer Mythos; so wurde beispielsweise Zeus Apomyios als Abwehrer von Fliegen, Apollon Parnopios als der von Heuschrecken und Apollon Smintheus als der von Feldmäusen verehrt35. In diesem Sinne sollen Sophokles und Aischylos den Apollon als »Wolfstöter« oder -abwehrer aufgefasst haben36. In der altgriechischen Literatur wird Apollons Name von απολλυμι (Apollon = »der Vernichter« abgeleitet)37. Auch die Bezeichnung Lyzeum führt sich, über die latinisierte Form Lyceum, auf diesen Tempelbezirk bei Athen zurück38. Das Lykeion wiederum soll seinen Namen aufgrund von Skulpturen mit Wolfsköpfen erhalten haben, die den Tempelbezirk geschmückt haben sollen39. Auch Zeus besitzt ein Epitheton, das enweder auf λυκος, oder »den im lat. lux, Licht, erscheinenden Stamm zurückgeführt wird«40; dementsprechend wird Zeus Lýkaios [= Lykäischer Zeus] (Ζευς Λυκαιος) entweder als Wolfsgott, als Lichtgott oder als Verbindung von Beidem gedeutet. Aufgrund des einschlägigen Lykáonmythos41 und des weit verbreiteten Werwolfsglaubens erscheint die Deutung als Wolfsgott jedoch wahrscheinlicher; nach der mythischen Überlieferung soll Zeus auch im Lykaiongebirge (Λύκαιον) – auch Olymp genannt – aufgewachsen sein. Die Rolle des Wolfes für das antike Rom wird vom Gründungsmythos der Römer bestimmt: Die im Tiber ausgesetzten Kinder Romulus und Remus wurden von einer Wölfin (und einem Specht) ernährt und großgezogen; später gründeten die beiden Wolfskinder am Ort ihrer Aussetzung die Stadt Rom. Entsprechend dem kultischen Andenken finden sich durch die gesamte rämische Geschichte hindurch Bilddarstellungen der Kapitolinischen Wölfin oder mama lupa als Wahrzeichen auf römischen Münzen und Wappen; im Januar 2007 gab die italienische Archäologin Irene Iacopi bekannt, die Höhle Lupercal entdeckt zu haben, in der mama lupa die beiden Säuglinge aufgezogen haben soll. Auch in der nordische Mythologie kommt dem Wolf ein fester Stellenwert zu42; hier wird Odin von den Raben Huginn und Muninn sowie den Wölfen Geri und Freki (›der Gierige‹ und ›der Gefräßige‹) begleitet43, die dem Odin heilig waren und von Hans Sachs als »Gottes Hunde« bezeichnet wurden44. Sonne und Mond werden von den Wölfen Sköll und Hati gejagt45. Auch Fenrir (Fenrisúlfr, ›Fenriswolf‹) verfolgt den Mond, beisst Týr eine Hand ab, kündingt den Weltuntergang Ragnarök an und verschlingt dann Odin. Gründungsmythen, die sich auf den Wolf zurückführen, gibt es nicht nur in Rom; sowohl Türken als auch Mongolen verfügen über ähnliche Legenden: Im Abstammungsmythos der Borjigid, dem herrschenden Stamm der Mongolen, leitet sich ihr Volk »von einem vom Himmel geborenen Wolf und einer Hirschkuh« ab46; Der graue Wolf Börte cinu-a wird als »Urahn des Dschingis Khan« angesehen und gilt als »wichtiges Totemtier«47. Der japanische Volksstamm der Ainu führen ihre Abstammung auf einen Wolf und eine Göttin zurück48, ähnliches gilt für das sibirsche Turkvolk der Usbeken, das angeblich sogar verstorbene Wölfe beerdigt, und die Burjaten in Vercholensk49, bei denen es verboten ist, einen Wolf zu töten. Auch die »slowakischen Recken Waligor und Wyrwidub«, Kyros, den Gründer des altpersischen Reiches, und der deutsche Sagenheld Dietrich wurden laut Bibikow von einer Wölfin aufgezogen50. In der vorislamischen, also alttürkischen Mythologie spielt der Wolf (türk.: Kurt; alttürk.: Böri) »die bedeutendste Rolle«51. Zu erwähnen ist hierbei die älteste türkische Legende überhaupt, ein Gründungsmythos52: Die Wölfin Asena rettet einen zehnjährigen Knaben vor dem Tod, und er zeugt mit ihr zehn Söhne zeugte, die jeweils einen der türkischen Urstämme begründet haben. Der zweite Sagenkreis ist die unter allen Turkvölkern verbreitete Ergenekon-Sage: Nach schweren militärischen Niederlagen gegen das chinesische Reichfliehen die Göktürken ins zentralasiatische Altay-Gebirg und werden von einem Wolf in ein verborgenes Tal namens Ergenekon (bei den Mongolen: Ergene kün) geführt; dort regenerieren sich die Clans über mehrere Generationen und suchen schließlich wieder einen Weg in die Steppen; geführt von einer grauen Wölfin – Bozkurt – gelingt ihnen die Völkerwanderung, und die Nachkommen der Göktürken errichten neue Reiche. Aufgrund dieser herausragenden Bedeutung im alttürkischen Mythos stellt der Wolf auch heute noch ein panturkisches Symbol dar, das heute in sehr unterschiedlichen Kontexten verwendet wird53. In einer anatolisch-türkischen Legende werden Motive aus dem Bozkurt-Mythos aufgegriffen: So soll ein Wolf »einem Armeeführer während der letzten Schlachten des Türkischen Befreiungskrieges (1922) als Führer gedient« haben54. Ebenfalls in den Kreis mythischer Vorstellungen zählt die Betrachtung des Wolfes als Totemtier; dies findet Bibikow bei den amerikanischen Indianerstämmen der Tlinkit und der Irokesen sowie bei elf Sippen in Turkmenistan; verehrt worden sein soll der Wolf bei den Tschuktschen, den Jakuten und den Korjaken55. Im Mythos der mandschu-tungusischen Völker galt der Wolf als »heiliges Tier«, das »mit besonderer Ehrerbietung« behandelt und nicht getötet werden dürfe56; ähnliches gilt für die Samojeden Sibiriens57. Im Götterglauben Arapacho-Indiander herrsche ein alter Wolf über die Tiere, so Bibikow – hier könnte eine Verwechslung mit der im oralen Erzählgut praktisch aller amerikanischer Indianerstämme omnipräsent vorhandenen Gestalt des ›Old Man Coyote‹ vorliegen, dem »mythischen Ahnen des amerikanischen Steppenwolfs«58. Legenden über den Kojoten kennen, so Thomas Kaiser, die Stämme der Karok, Cáhita, Yaqui, Chumash, Crow, Wintu, Cochiti, Takelma, Yurok, Kutenai, Maidu, Kalapuya, Pima, Shoshoni, Klamath, Wasco u.a. Der Kojote – zoologisch betrachtet als Canis latrans ein enger Verwandter des Canis lupus – wird in der indianischen Erzählwelt gleichzeitig als »das blödeste aller Tiere« wie als Schöpfer der Welt charakterisiert; zusammen mit dem Silberfuchs erschafft er die Welt, ist befreundet mit ›Wolf‹ und ›Grizzlybär‹ oder ›Wolfs jüngerer Bruder‹, lässt sich von ›Schlange‹ und ›Schildkröte‹ überlisten oder sorgt dafür, dass Frauen und nicht Männer menstruieren59. ›Old Man Coyote‹ verkörpert nicht das Böse, sondern als Schelm vielmehr das »Menschlich, Allzumenschliche«

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