Rezension zu Bloch: Die Pizza-Hunde (2007)

Buchbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ

Systematik: 
Zeit: 
Akteure: 
Dazugehörige Publikation: 
Günther Bloch: Die Pizza-Hunde (2007)
Günther Bloch: Die Pizza-Hunde, Buchcover

Der streitbare Hunde- und Wolfsexperte Günther Bloch präsentiert in dem 254-seitigen Band Die Pizza-Hunde die ersten Ergebnisse seiner mehrjährigen Untersuchugnen dreier verwilderter Haushundegruppen in der Toskana. In dem Tuscany Dog Project bringt er Teile seiner Hundebeobachtungen mit Wolfsuntersuchungen in Verbindung - ein gewagter, aber vielversprechender Ansatz.

Das recht kleinformatige Buch ist reichhaltig und durchgehend farbig illustriert; zahlreiche Fotos, Infoboxen und eine detaillierte Binnengliederung machen das Lesen zu einem unterhaltsamen Vergnügen.

Buchgestaltung und Gliederung

Der gebundene Band ist in acht Hauptabschnitte untergliedert; hinzu kommen ein Geleitwort von Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen sowie eine Einleitung und ein abschließender Serviceteil mit Kontaktadressen, Quellennachweisen sowie einem winzigen Stichwortregister von genau einer Seite (Beispielseiten: Inhaltsverzeichnis 1, Inhaltsverzeichnis 2).

Die Typographie wirkt klein und gedrängt - es wurde wohl versucht, Seitenanzahl und Format des Bandes gering zu halten, um einen noch relativ günstigen Preis zu ermöglichen. Das geht zu Lasten von Lesbarkeit und Übersichtlichkeit - die Quellennachweise sind in einer so winzigen Schriftgröße gedruckt wie man sie sonst nur aus dem "Kleingedruckten" halbseidener Handyverträge kennt.

Das reichhaltige Bildmaterial hat durchgängig dokumentarischen Charakter und veranschaulicht den textuellen Inhalt in wertvoller Weise; die zahlreichen - recht kleinformatigen - Fotografien lockern den Text auch angenehm auf, so dass man auch gerne einfach im Buch herumblättert. Bloch erwähnt in seinen Danksagungen, "mehr als zweihundert Fotos" veröffentlicht gehabt haben zu wollen - ohne nachgezählt zu haben ist dies zweifellos eine stattliche Menge illustrativen Materials auf rund 250 Buchseiten (Beispielseiten und -illustrationen: Seite 64, Seite 65, Seite 96, Seite 97).

Was die Überfülle von ›Info‹-Boxen angeht, hat es der Seitengestalter ein wenig übertrieben; die ausführliche Beschreibung von Danieles Schlafritual (p. 97) ist eine possierliche Beobachtung, es macht jedoch keinen Sinn, solche Momentaufnahmen in ›Info‹-Boxen zu verpacken. Es irritiert schlichtweg, wenn man in einer solchen Heraushebung lediglich erfährt, dass irgendein Ägypter seinen Hund in Blochs Hundepension zusammen mit einem Teppich abgibt (p. 57). Das sind klassische Marginalien, also Randnotizen, die in eine Marginalspalte oder in Fußnoten gehören, jedoch nicht den Eindruck besonderer Wichtigkeit vermitteln sollten.

Inhalt

Die acht Hauptabschnitte wirken etwas willkürlich herausgehoben; sie gliedern das Buch zwar in Untereinheiten, man hätte Die Pizza-Hunde jedoch auch vollkommen anders strukturieren können. Den meisten Hauptabschnitten ist gemeinsam, dass Tipps für Hundehalter das Kapitel abschließen.

Ebenfalls durch das gesamte Buch zieht sich der launige Schreibstil Blochs, der viel persönliche Meinung in die Analysen einmengt. Für diese geringe wissenschaftliche Distanz von seinen Untersuchungsgegenständen ist Bloch berühmt-berüchtigt, viele Leser schätzen jedoch gerade die klaren und pointierten Aussagen, oder - mit Blochs Worten - das Vermeiden von Verallgemeinerungen und das Stellung-Beziehen.

Der erste Abschnitt, Eine Frage der Umgangsformen, ist als erweiterte Einleitung angelegt; noch einmal erläutert Bloch seinen Forschungsansatz, der auf dem Sammeln von Erlebnissen und "Anekdoten" basiert. Mit einer Fülle von (Einzel-) Beobachtungen möchte Bloch eine Datengrundlage für weiterführende Auswertungen schaffen. Es folgen vermischte Anmerkungen, u.a. zum Sozialverhalten von Wölfen und Hunden sowie zu der gewagten Frage: Haben Tiere ein Bewusstsein? Gewagt ist es vor allem, diese äußerst komplexe Frage auf sechs Seiten abzuhandeln, wobei sich etwa die Hälfte mit Positionen aus der Fachliteratur beschäftigt und der Rest Einzelerlebnisse aus Blochs Feldforschung dokumentiert.

Der zweite Hauptabschnitt trägt den Titel Das Tuscany Dog Project, geht aber nur peripher darauf ein, um was für ein Projekt es sich handelt, wer Träger ist, wie es finanziert wird usw. Vielmehr steigt Bloch ziemlich übergangslos in Analysen ein, die mit dem Tuscany Dog Project in Verbindung stehen. Thematisiert wird hier die Domestikation vom Wolf zum Hund, die Rudelbildung von Hunden sowie schließlich Das Studiengebiet und deren Bewohner (müsste es nicht "...und dessen Bewohner" heisen?). Vor allem stellt Bloch hier auch die einzelnen Individuen seiner Untersuchung vor - wie gewohnt namentlich.

Von Individualisten und Persönlichkeiten vertieft die Charakterisierung der "Persönlichkeitstypen der Pizza-Hunde" und stellt all diese Hundepersönlichkeiten der ›Großen‹ und der ›Kleinen Gruppe‹ mit Bild vor (Beispielseiten und -illustrationen: Seite 80, Seite 81). Diese bis ins Äußerste getriebene Personalisierung kann wohl durchaus als Provokation jener Bloch-Kritiker gelesen werden, die dem Forscher vorwerfen, zu viel Nähe zu seinen Untersuchungsgegenständen in Kauf zu nehmen.

Der vierte Abschnitt wechselt zu den Themen Reproduktion und Sterblichkeit, wo Bloch einzelne Kopulationsbeobachtungen ebenso akribisch dokumentiert wie Schlafritual des Rüden Daniele. Das Kapitel wird abgeschlossen von verallgemeinernden Feststellungen zur Vermehrungsrate verwilderter Haushunde die vor dem Hintergrund des Fortpflanzungserfolgs von Timberwölfen ausgewertet werden.

Weitere Einzelbeobachtungen schließen sich in Jugendfürsorge, Gefahrenerkennung und Feindvermeidung an; hier dokumentiert Bloch, wo die trächtige Hündin Lilly ihre Wurfhöhle baut und in welchem Aktionsradius sich der Welpe Bellino bewegt, immer wieder garniert mit Seitenhieben auf "verallgemeinerndes Pseudowissen". Die Erörterung von Gefahrenerkennungs- und Feindvermeidungsstrategien wird wieder eingeleitet durch eine summarische Darstellung von Aussagen aus der Fachliteratur, an die sich neue Einzelbeobachtungen anschließen.

Ähnlich aufgebaut ist der sechste Hauptabschnitt Jagdverhalten und Nahrungserwerb bei Wolf und Hund; auf eine kursorische Einleitung mit Fundstücken aus der Fachliteratur folgen Einzelbeobachtungen und "Fallbeispiele" zu Jagdverhalten und Nahrungsaufnahme. Entsprechendes gilt für den folgenden Hauptabschnitt Kommunikation und Ausdrucksverhalten, Interaktion und Spielverhalten.

Das abschließende Kapitel Einblicke in den Forscheralltag beschreibt einzelne Aspekte von Blochs Methodik und dokumentiert einen exemplarischen Tagesablauf des Forschers ("Ein Sommertag Anfang Juli 2006"), beginnend mit dem Frühstück um 05:09 Uhr und endend mit dem Schlafengehen um 21:30 Uhr.

Zu welchen Kernaussagen gelangt Bloch nach rund 250 Seiten? Sind die zentralen Aussagen nicht eigentlich alle bereits aus früheren Veröffentlichungen Blochs bekannt? Bloch jedenfalls verweigert sich generalisierenden Aussagen, die über die obligatorischen Tipps für Hundehalter hinausgingen. Und auch der Geltungsbereich dieser Tipps wird wieder eingegrenzt durch den Kontext einer jeweils "situationsbedingten Betrachtung". Bloch beruft sich in seiner Angst vor der induktiven Schlussfolgerung auf den Gewährsmann J. Lamprecht und zitiert: "Man sollte jede Hypothese, die man liest oder selber formuliert, zunächst darauf prüfen, ob sie sich widerlegen ließe". Er reiht sich damit in die erkenntnistheoretische Tradition von David Hume und Karl Popper ein, die vehement bestreiten, dass sich die Wahrheit wissenschaftlicher Hypothesen durch induktive Verallgemeinerungen beweisen ließe.

Fazit

Wie bereits anfangs erwähnt ist die Lektüre von Blochs Pizza-Hunden ein unterhaltsames Vergnügen. Bloch schreibt lebendig und häufig so persönlich, dass es fast wie ein privates Gespräch anmutet. Die dargebotenen "Anekdoten" vermögen durchaus zu fesseln und machen Blochs Rede von den (Hunde-) Individuen wieder einmal plausibel.

Wer jedoch versucht, einer zielgerichteten Gesamtargumentation zu folgen oder das Buch auf eine Handvoll zentraler Kernthesen komprimieren möchte, muss sich bemühen. Wahrscheinlich käme er zu Aussagen, denen Bloch wohl widersprechen würde - argumentiert er doch durch das gesamte Buch gegen Generalisierungen.

Wie dem auch sei, spannende Lektüre bieten die Pizza-Hunde allemal, sofern sich der Leser auf Blochs Patchwork-Stil einlässt. Wir vergeben daher ein klares Prädikat lesenswert!

Bezugsmöglichkeit

Image of Die Pizza-Hunde: Freilandstudien an verwilderten Haushunden. Verhaltensvergleich mit Wölfen. Tipps für Hundehalter
Autor: Günther Bloch
Verlag: Kosmos (Franckh-Kosmos) (2007)
Einband: Gebundene Ausgabe, 256 pages
8
Durchschnitt: 8 (1 Bewertung)
Eigene Bewertung: Keine

Ähnliche Beiträge

Titel Typ
Günther Bloch, Peter A. Dettling: Auge in Auge mit dem Wolf, Cover
Rezension zu Bloch/Dettling: Auge in Auge mit dem Wolf (2009) –Buchbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ
Bildband, Buchrezension, Forschungsprojekt, Sachbuch
Beitrag veröffentlicht vor vor 2 Jahre 36 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 1 Jahr 46 Wochen
Rezension
Barbara Schöning, Nadja Steffen, Kerstin Röhrs: Hilfe, mein Hund jagt, Buchcover
Rezension zu Schöning/Steffen/Röhrs: Hilfe, mein Hund jagt (2007) –Buchbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ
Antijagdtraining, Buchrezension, Jagdtrieb, Jagdverhalten, Ratgeber, Sachbuch
Beitrag veröffentlicht vor vor 4 Jahre 14 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 1 Jahr 46 Wochen
Rezension
Bloch: Die Pizza-Hunde (01) Bloch: Die Pizza-Hunde (01)
Forschungsprojekt, Sachbuch, Verhaltensforschung
Beitrag veröffentlicht vor vor 3 Jahre 6 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 16 Wochen 5 Tage
Bild
Bloch: Die Pizza-Hunde (02) Bloch: Die Pizza-Hunde (02)
Forschungsprojekt, Sachbuch, Verhaltensforschung
Beitrag veröffentlicht vor vor 3 Jahre 6 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 16 Wochen 5 Tage
Bild
Bloch: Die Pizza-Hunde (03) Bloch: Die Pizza-Hunde (03)
Forschungsprojekt, Sachbuch, Verhaltensforschung
Beitrag veröffentlicht vor vor 3 Jahre 6 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 16 Wochen 5 Tage
Bild
Bloch: Die Pizza-Hunde (04) Bloch: Die Pizza-Hunde (04)
Forschungsprojekt, Sachbuch, Verhaltensforschung
Beitrag veröffentlicht vor vor 3 Jahre 6 Wochen
zuletzt bearbeitet vor 16 Wochen 5 Tage
Bild