Rezension zu Bloch/Dettling: Auge in Auge mit dem Wolf (2009)

Buchbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ

Günther Bloch, Peter A. Dettling: Auge in Auge mit dem Wolf, Cover
'''Auge in Auge mit dem Wolf''' fasst Eindrücke zusammen, die '''Günther Bloch''' (* 1953) in annährend zwei Jahrzehnten Feldforschung von Wölfen gesammelt hat. Illustriert wird der Band durch 166 Farbbilder des jungen Schweizer Naturfotografen '''Peter A. Dettling''' (* 1972), die allerdings in dem erheblich kürzeren Zeitraum von ›nur‹ zwei Jahren entstanden. Ergänzend finden sich daher auch eine Reihe von weiteren Farbfotos von Bloch und Paul Paquet. Bloch knüpft an die Beobachtungen an, die er bereits in [[path:node/867|Timberwolf Yukon & Co.]] (Mürlenbach: Kynos 2002) dokumentierte; gegenüber dem (umfangreicheren) Band aus dem Jahr 2002 entfallen nun die ''Feldstudien in Europa'' komplett, die Jahre 1992 bis 1999 werden knapp abgehandelt und dagegen der Zeitraum von 2000 bis 2008 ausführlich ergänzt. Die Überschneidungen beider Bände sind gering, und schon allein durch das neue Bildmaterial von Peter Dettling gewinnt ''Auge in Auge mit dem Wolf'' eine klare Eigenständigkeit. == Buchgestaltung und Gliederung == ''Auge in Auge mit dem Wolf'' fällt duch die aufwändige Gestaltung sofort ins Auge: Mit seinem Querformat von ca. 24x28 cm (etwas größer als ein A4-Blatt) hebt sich der Bildband schon durch seine Abmessungen von anderen Bildbänden ab. Die 176 Seiten sind durchgehend farbig gedruckt auf so genanntem "FSC"-Papier gedruckt; das hat nicht ganz die Brillianz von Kunstdruck, schont dafür die Umwelt, da es aus nachhaltiger Waldwirtschaft stammt. Die Gliederung des Buchs orientiert sich grob an der Chronologie; beginnend im Sommer 1992 bündelt Bloch seine Verhaltensstudien in Gruppen wie "1993 bis 1995", "1996 bis 1999", "2000 bis 2002" usw.; die chronologische Darstellung endet im Jahr 2008, es folgt ein Hauptabschnitt zu "Begegnungen mit anderen Tierarten" (Bären, Pumas, Kojoten, Raben und Menschen ) sowie ein abschließender "Blick in die Zukunft" (Beispielseite: [[path:node/11319|Inhaltsverzeichnis (S. 3)]]). Die Binnengliederung verweist immer wieder auf vor- und nachstehende Kapitel; so findet sich beispielsweise in "Die Wölfe des Bowtals" (pp. 22-33) ein zweiseitiger Abschnitt zum "Verhältnis Wolf-Rabe und Wolf-Kojote"; diese Themen werden dann am Ende des Buches (hier: pp. 153/154) noch einmal aufgegriffen. Wie immer wirkt auch dieses Bloch-Buch etwas unstrukturiert; nicht nur inhaltlich muss sich der Leser auch bei der Gliederung auf Günther Blochs Denk- und Arbeitsweise einlassen. Dem Band sind drei Seiten Quellennachweise sowie sechs Seiten Landkarten, Tabellen und Diagramme beigegeben; das wirkt ein wenig wie ein akademisches Feigenblatt in dem sonst eher belletristischen Material. Auch dieses Bestreben, sich gegen den latenten Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu verteidigen, zieht sich durch Blochs Bücher. Die Qualität des umfangreichen Bildmaterials ist heterogen; neben ausgesprochen spektakulären Aufnahmen finden sich auch Bilder, bei denen die Schärfe nicht ganz perfekt sitzt, sowie Fotografien mit eher dokumentarischer Qualität. Potenzielle Kritik wehrt Naturfoto-Koryphäe [[Jim Brandenburg]] für seinen jungen Kollegen dann auch gleich in einem Kommentar auf der Buchrückseite ab: 90 Prozent der publizierten Wolfsfotos stammten von Gehegewölfen, so Brandenburg, der Dettlings Wolfsaufnahmen als "''selten und außergewöhnlich authentisch''" bezeichnet. Das ist vielleicht das wertvollste Lob, das einem jungen Tierfotografen ausgesprochen werden kann. Und in diesem Kontext muss man die Bilder wohl auch betrachten: als Dokumentation von Momenten, die der gewöhnliche Wolfsinteressierte niemals in persönlicher Anschauung erleben wird, von Momenten, die überhaupt nur wenige Fotografen in einem Bild festhalten konnten (Beispielseiten und -abbildungen: [[path:node/11322|Seite 88]], [[path:node/11323|Seite 89]]). Wer sich näher für den fotografischen Hintergrund interessiert, sollte sich unbedingt Seite 162 ("''Ein Wort zur Wolfsfotografie''") zu Gemüte führen, die manche Überraschung bereithalten mag. Ein Stichwortverzeichnis existiert nicht, was noch einmal den heterogenen Charakter zwischen illustrativem Bildband und Forschungsdokumentation betont. == Inhalt == Bloch berichtet - stärker noch als in [[path:node/867|Timberwolf Yukon & Co.]] - primär von Timberwölfen aus dem kanadischen Banff-Nationalpark. Verglichen mit diesem sieben Jahre alten Band fällt zunächst das vergleichsweise grandiose Bildmaterial auf; bediente sich Bloch 2002 noch überwiegend eigener Fotos mit eher dokumentarischer Qualität, sind viele von Dettlings Bildern von einem ganz anderen Kaliber. Viele Wolfsportäts sind eigenständige Bildnisse, und eine ganze Reihe von Bildern könnte man sich auch als gerahmte ''Fine art prints'' vorstellen (Beispielseiten und -abbildungen: [[path:node/11318|Seite 2]], [[path:node/11324|Seite 146]], [[path:node/11325|Seite 147]]). In seiner Forschungsdokumentation erstellt Bloch eine kleine Familienchronik der verschiedenen beobachteten Rudel, Familien und Clans. Viele Bildlegenden nennen die dargestellten Individuen namentlich, und das Buch beschäftigt sich über weite Strecken mit der sozialen und emotionalen Dynamik von ''Nisha'', ''Nanuk'', ''April'', ''Aster'', ''Hope'' und vielen anderen Wolfspersönlichkeiten. Bis in Details werden individuelle Befindlichkeiten dokumentiert und teilweise auch interpretiert. Auf manch einen Leser mag dies wie eine ''Soap Opera'' mit Wölfen als Protagonisten wirken, gewissermaßen als Realversion des Zeichentrickfilms ''Balto''. Wer seitenweise über die "Gefühlswelt von Wölfen" elaboriert und seinen Untersuchungsobjekten geradezu Kosenamen gibt, bewegt sich freilich - aus klassisch zoologischer Perspektive - auf dünnem Eis (Beispielseiten und -abbildungen: [[path:node/11320|Seite 74]], [[path:node/11321|Seite 75]]). Seit jeher stehen Blochs Forschungen daher unter dem Generalverdacht der Unwissenschaftlichkeit: Akademische Distanz unterscheide wissenschaftliches Arbeiten von persönlichen Meinungen und Einstellungen, und diese Distanz wahren Bloch und seine Mitstreiter nicht. Eine solche akademisch-emotionale Distanz erreicht man im Umgang mit Lebewesen am besten durch arbiträre Buchstabenkürzel und Zahlenkolonnen, deshalb vergibt man Labortieren, Häftlingen und Soldaten keine Namen, sondern allenfalls eine laufende Nummer. Emotionale Brücken sollen unterbunden, ›Dinge‹ verwahrt oder emotionslos genutzt werden können. Emotionale Brücken erschweren den ›sachlichen‹ Umgang mit ›Dingen‹, und Fraternisieren mit dem Feind ist auch im Krieg verboten. In mancher Hinsicht ist das konventionelle Wissenschaftsverständnis gar nicht so weit von der Kriegsführung entfernt. Man stelle sich einen Pharmakologen vor, der seinem Testobjekt - beispielsweise ein possierlicher Primat mit geöffneter Schädeldecke, gefesselt an den [http://images.google.com/images?um=1&hl=de&safe=off&rls=de&tbs=isch%3A1&sa=3&q=primatenstuhl&btnG=Bilder-Suche Primatenstuhl] - als Individuum betrachtet und namentlich mit ''Melanie''anspricht, bevor er die toxische Testsubstanz injiziert. Wer Tiere als ›Sachen‹ nutzt, muss den Umgang mit ihnen ›versachlichen‹, und gegen diese Behandlung von Lebewesen als ›Dinge‹ wehren sich Bloch und seine Mitstreiter vehement. Ihre Argumente sind unkonventionell, verstoßen gegen den akademischen ''Mainstream'', aber sie erscheinen bedenkenswert. Paul Paquet dazu im Geleitwort: : "'' Lobenswerterweise haben sich Günther und seine Frau Karin in all den Jahren dafür eingesetzt, einen Schritt weiter zu gehen als die meisten Wissenschaftler es wagen, nämlich die Beschreibung und Interpretation von Wolfsverhalten mit deren Gefühlswelt in Verbindung zu bringen. [...] die Bowtal-Wölfe [zeigen] oft Emotionen wie Freude, Kummer, Leid, Trauer oder Uneigennützigkeit. [...] Und wem die aufgeführten Argumente von Günther nicht ausreichen, den werden die kraftvollen und atemberaubenden Bilder den letzten Zweifel rauben. Der Leser kann sich von den gezeigten Emotionen in den Bildern selbst überzeugen''" (p. 7). In diesem Sinne wird der Bloch-Dettling-Band gar zu einem Plädoyer für ein neues Wissenschaftsverständnis. == Fazit == Wie praktisch jedes Buch von Günther Bloch bietet auch ''Auge in Auge mit dem Wolf'' kontroverse Sichtweisen und stellt vermeintlich sichere Erkenntnisse in Frage. Wer sich über Blochs persönlichen und individuellen Umgang mit Wildtieren echauffieren möchte, wird daher auch in diesem Band reichlich Material finden. Aufgeschlossene Leser finden dagegen eine Fülle von Detailbeobachtungen und Analysen zu den empirischen Befunden. Vor allem ist ''Auge in Auge mit dem Wolf'' eine Liebeserklärung an die ''Bows'' und den Banff-Nationalpark, die nicht zuletzt durch ihre Authentizität berührt. Durch das attraktive Bildmaterial und den retrospektiven Gesamtcharakter gehört der Band in jede Bibliothek von Wolfsfreunden und -interessierten. '''Empfehlung'''!

Bezugsmöglichkeit

Image of Auge in Auge mit dem Wolf: 20 Jahre unterwegs mit frei lebenden Wölfen
Autor: Günther Bloch, Peter A Dettling
Verlag: Kosmos (2009)
Einband: Gebundene Ausgabe, 176 pages
8
Durchschnitt: 8 (3 Bewertungen)
Eigene Bewertung: Keine