Rezension zu Donaldson: Hunde sind anders (1996/2009)

Buchbesprechung zur 2. Auflage von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ

Jean Donaldson: Hunde sind anders, Cover
Im Jahr 1996 verfasste '''Jean Donaldson''' ihr erstes Buch '''The Culture Clash''', in dessen Untertitel die Autorin '''A revolutionary new way of understanding the relationship between humans and domestic dogs''' versprach. Vier Jahre später folgte die deutsche Übersetzung, die nun in der zweiten Auflage bei ''Franckh-Kosmos'' erschien. Die versprochene Revolution in der Hundeerziehung ist wohl ausgeblieben, Jean Donaldson hat sich allerdings zur Bestsellerautorin gemausert und verdient mit ihren Erziehungsratgebern eine Menge Geld; und mit der wachsenden Schar an Lesern gewinnt Donaldsons Interpretation des caniden Lernverhaltens auch zunehmend Einfluss. Manche Revolutionen brauchen eben etwas länger. Was Jean Donaldson dem Leser nahebringen möchte, ist jedoch keineswegs neu; die Autorin sieht sich in der Tradition des US-amerikanischen Psychologen '''[http://en.wikipedia.org/wiki/B._F._Skinner Burrhus Frederic Skinner]''' (1904-1990) und betrachtet den Haushund - mit eigenen Worten - als "''schwarze Eingabe-/Ausgabemaschine''". Lediglich die Art und Weise, in der die Erkenntnisse der behaviouristischen Lerntheorie vermittelt werden, möchte Jean Donaldson modernisieren. Sie verpackt die nicht immer angenehmen Vorstellungen des '''Behaviorismus''' also etwas hübscher, bleibt den alten Konzepten aus der Laborpsychologie jedoch treu. Sie serviert also gewissermaßen alten Wein in neuen Schläuchen. Trotz dieser hübscheren ›Verpackung‹ prägen kühle und unromantische Gedanken ihre Ausführungen. Nüchtern zerlegt sie menschliches Wunschdenken über mentale und moralische Fähigkeiten des ›treuen‹ Vierbeiners; ihren Gegenentwurf bildet das Instrumentarium der operanten Konditionierung, und das stammt aus Skinners Ratten-Experimenten in der berüchtigten '''[http://en.wikipedia.org/wiki/Operant_conditioning_chamber Skinner-Box]''' (engl. ''Operant conditioning chamber''). Streng genommen akzeptieren Behaviouristen nicht einmal die Lernfähigkeit ihrer Versuchsobjekte, weil dies bereits einen mentalen Vorgang implizieren würde. Skinner brachte seinen Laborratten vielmehr das so genannte '''operante Verhalten''' bei. Ob dieses aus dem Tierversuchslabor stammende Instrumentarium wirklich "''die beste Möglichkeit''" ist, "''um das Verhalten unserer Hunde zu verstehen und zu verändern''" (p. 17), mag dahingestellt bleiben. Europäische Wissenschaftler liegen jedenfalls seit Jahrzehnten im Clinch mit der Skinnerschen Schule und entwickelten mit der vergleichenden Verhaltensforschung einen grundsätzlich abweichenden Ansatz, in dessen Tradition u.a. Konrad Lorenz, Nikolaas Tinbergen, Irenäus Eibl-Eibesfeldt und auch der ehemalige Lorenz-Mitarbeiter Erik Zimen stehen. == Buchgestaltung und Gliederung == Die deutsche Ausgabe kommt in Aufmachung und Format eines Romans daher: Der gebundene Einband verfügt zwar nicht über einen Schutzumschlag, das feste Papier und die Typografie lassen jedoch kaum einen Hunderatgeber vermuten. Die knapp 300 Seiten sind in sechs Hauptabschnitte und einen angehängten Serviceteil untergliedert. Die Hauptabschnitte sind jeweils in rund ein Dutzend von Unterabschnitte aufgeteilt, weitere formale Strukturierungen wie Marginalien sind nicht vorhanden. Ebenso wenig existieren weiterführende Fußnoten, hilfreiche lebende Kolumnentitel oder illustrative Abbildungen. Beim Durchblättern wirkt das Buch ebenso nüchtern wie langweilig, und der Verzicht auf Abbildungen lässt eine eher abstrakte Darstellung erwarten. Als Nachschlagewerk eignet sich ''Hunde sind anders'' kaum, zumal das Stichwortverzeichnis lediglich vier Seiten umfasst und weder den Begriff "Behaviourismus", noch den Namen "Skinner" verzeichnet. Donaldson erwartet von ihrem Leser also offensichtlich, dass er ihr Buch linear vom Anfang bis zum Schluss durcharbeitet. Das ist auch dringend notwendig, da die - vergleichsweise wenigen - konkreten Handlungsanweisungen ohne weitere Hervorhebung oder Kennzeichnung in den Text eingestreut sind. == Inhalt == Jean Donaldson steht in einer US-amerikanischen Wissenschaftstradition, die sich im europäischen Raum nie vollständig durchsetzen konnte. Wer ein wenig zwischen den Zeilen liest, kann daher in Donaldsons Argumentation die Skinner-Box immer wieder durchschimmern sehen. Ihre Argumente sind allerdings trotz des kontroversen Leumunds nicht pauschal von der Hand zu weisen. Gleichwohl der Vergleich von Haushunden mit Laborratten auch in Donaldsons Ausführungen immer wieder auftaucht, möchte sie den Haushund nicht zu einem Versuchstier degradieren, behauptet sie; nach eigenem Bekunden möchte sie das Verständnis für die - begrenzte - mentale Funktionsweise des Hundes verbessern, um diesen vor Strafen oder gar Tötung zu schützen. Trotz dieser - eigentlich selbstverständlichen - Absichtsbekundung stellt sich dem Leser die Frage, was sie all den von ihr diagnostizierten Irrungen und Wirrungen der Hundetrainer ''konkret'' entgegensetzen möchte. Statt dieser ''konkreten'' Hinweise muss sich der Leser zunächst seitenweise durch markige Attacken auf jene Vorstellungen und Methoden kämpfen, die Donaldson für "''Irrtümer''" und "''Mythen''" hält. In der langen Auflistung findet sich dann beispielsweise der "''Irrtum mit dem Gefallenwollen''" (p. 18 ff.), das Dominanzkonzept (p. 22 ff.) einschließlich des Zuerst-durch-die-Tür-gehens und der "''Rudeltheorie''", das Vermeiden von Zerrspielen (p. 49 ff.) usw. - laut Jeand Donaldson ist das alles Unsinn. Außer der titelgebenden Feststellung "''Hunde sind anders''" werden ihre Ausführungen zu dem, was denn nun tatsächlich "''anders''" sein soll, auffällig dürftig. So konstatiert Donaldson als Essenz der ersten 27 Seiten ihres Buches, dass Hunde "''soziale Raubtiere''" seien (pp. 26/27), dass man das Alleinbleiben üben müsse (p. 64 ff.) und dass Beissen "''ein natürliches, normales Hundeverhalten''" sei (p 74 ff.). Bewacht der Hund ein Objekt, möge man den Objekttausch üben (p. 104 ff.), man soll dem Welpen durch "''Doktorspiele''" beibringen, sich anfassen zu lassen (p. 112 ff.), und angstaggressive Hunde müssen durch Desensibilisierung resozialisiert werden (p. 116 ff.). Das alles wird ebenso banal dargestellt wie es in der Substanz trivial ist. Die versprochene "''Revolution''" im Verstehen des Hundes findet im ersten Drittel des Buches nicht statt, zumindest nicht für Leser, die ihrem Vierbeiner mit gesundem Menschenverstand begegnen. Behandelt werden im Abschnitt ''Hunde kennen kein 'richtig' oder 'falsch''' u.a. die Stubenreinheit, das Bellen, das Hochspringen sowie das Essenstehlen. Auch in den folgenden Abschnitten setzt sich das Muster fort: Analysen und Interpretationen werden ausführlich dargestellt, die konkreten Handlungsanweisungen bleiben unsystematisch und blass. Wer sich noch wenig mit Haushunden beschäftigt hat, wird zweifellos von diesen Hintergrundinformationen profitieren; wer schon das eine oder andere aktuelle Hundebuch gelesen hat, wird dagegen wenig Neues erfahren. Insbesondere Hundebesitzer mit einem konkreten Problem werden kaum praktisch verwertbare Hinweise finden, die über offensichtliche Banalitäten hinausgehen. Das vierte Hauptabschnitt ''Hunde sind Opportunisten - aber wir lieben sie trotzdem'' ist wieder stärker theoretisch angelegt; er erörtert ''Wie Hunde lernen'' und stellt noch einmal die Instrumente der klassischen und der operanten Konditionierung vor. Der fünfte und letzte Hauptabschnitt stellt ''Die praktischen Grundlagen des Obedience-Trainings'' vor. Im krassen Gegensatz zum einleitenden Kapitel, ''Unsere Welt aus der Sicht des Hundes'', in dem sie dem Haushund nennenswerte mentale Fähigkeiten wie abstraktes Denken und Intelligenz abgesprochen hatte (pp. 14 ff.), bringt sie nun ausgerechnet Kategorien des ''menschlichen'' Bildungssystems als Metaphern für den Ausbildungsstand eines Hundes ein. Sie bewertet seine Gehorsams-Fähigkeiten in den Bereichen ''Sitz'', ''Platz'', ''Bleib'' usw. nach "''Klassenstufen''": "''Sitz auf Kindergartenniveau''" und "''Sitz auf Grundschulniveau''" gibt es dann plötzlich, gefolgt von Fähigkeiten "''Oberschulniveau''" und sogar "''Hochschulniveau''". Grandioser kann man die eigene Argumentation wohl kaum in ein und demselben Buch in Grund und Boden schreiben. Wenn es dem Wesen des Hundes nicht gerecht wird, ihn anhand seiner Intelligenz zu beurteilen (p. 15 unten), wenn es so irrational ist, dem Hund Denkvermögen zu unterstellen (p. 16 oben), warum führt sie dann ausgerechnet formale Bildungsqualifikationen, deren Wert selbst bei ''Menschen'' umstritten ist, als Metapher für Ausbildungsstände eines Hundes ein und entwirft ein ganzes Kapitel von 60 Seiten Länge entlang dieser so offensichtlich unpassenden Metapher? Was sie dann zu den einzelnen Fertigkeiten in unterschiedlichen Ausbildungsstadien zu sagen hat, ist dann wieder durchaus lesenswert, und natürlich verführt es dazu, den eigenen Hund in diese ach so menschlichen Kategorien einsortieren zu wollen. Nach Ausführungen zu '''Bei Fuß' auf Hochschulniveau'' und einer Aufzählung ''Weitergehender Übungen'' schließt das Buch dann abrupt, ohne eine Zusammenfassung zu geben oder ein Fazit zu ziehen. Beim Leser bleibt als dominierende Erinnerung der Ehrgeiz, den Ausbildungsstand des eigenen Hundes konsequent auf "''Hochschulniveau''" zu bringen, den Hund also wieder in die vertrauten menschlichen Schubladen einzusortieren und gerade nicht nach den dem Hund eigenen Kategorien bewerten und schätzen zu lernen. Das genaue Gegenteil also dessen, was laut Umschlagtext Ziel des Buches sein sollte, nämlich "''Schluss mit der Vermenschlichung''" zu machen. == Kleiner Praxistest == Der Abschnitt "''Bellen''" (p. 150 ff.) bietet sich an für einen kleinen Praxistest. Einleitend konstatiert Jean Donaldson, dass Hunde "''aus einer Reihe von ganz unterschiedlichen Gründen''" bellen und unterscheidet dabei vier Anlässe, nämlich: # das wachsame Bellen, # das fordernde Bellen, # das ängstliche Bellen und # das Bellen aus Langeweile. Unsere Samoyedenhündin ''Nauka'' qualifiziert sich bei verschiedenen Anlässen für das "''fordernde Bellen''", beispielsweise wenn sie beim Spielen den Ball haben möchte, wenn sie andere Hunde zum Spielen auffordern möchte, wenn sie abliegt und wir uns entfernen oder wenn sie beim Agilitytraining warten muss. Sie teilt uns wohl mit, wie Donaldson analysiert, dass sie "etwas genau jetzt haben will''". Natürlich bekommt Nauka den Ball nicht, wenn sie bellt; beim Agilitytraining hat sich zeitweilig das Rasseln mit einer Wurfkette bewährt. Abstellen lässt sich das Samoyedenkläffen jedoch nicht, allenfalls kurzzeitig unterbrechen. Donaldson sagt dazu: "Wenn Sie das [Bellen] nicht wollen, hören Sie auf, den Hund mit Aufmerksamkeit [...] zu belohnen. Ganz einfach. Kein Wenn und Aber''". Das ist sicherlich nicht verkehrt. Aber was besagt es für die Praxis, beispielsweise beim Agilitytraining? Sofort Abbrechen und nach Hause fahren? Donaldson gibt zu: "''Das Ganze ist in der Realität häufig etwas verzwickter [...]''". Ja, das ist es wohl. Und leider enden Donaldsons praktische Ratschläge auch mit dieser Aussage. == Fazit == Ganz so aktuell und bahnbrechend wie im Vorwort aus dem Jahr 1996 versprochen wirken Jean Donaldsons Ausführungen heutzutage kaum noch. So vertraut dem Leser auch viele Gedanken heute scheinen mögen, so lästig ist es, die 300-seitige Textwüste möglichst mit Textmarker und Bleistift durchzuarbeiten. Insbesondere der Verzicht auf aussagekräftige Abbildungen zeigt, dass Donaldsons Ansatz die verschiedenen Kommunikationsbestandteile von Caniden unterschiedlich gewichtet und dabei einen abstrahierenden Transfer durchführt. Wer mit einem Lebewesen interagiert, muss diesen Transfer wieder rückgängig machen und in Körpersprache, Haptik und Olfaktorik zurückübersetzen. Auch reich illustrierte Bücher führen einen solchen Transfer durch, sie abstrahieren dabei jedoch weniger und sind dadurch eben anschaulicher. Insbesondere die Entscheidung, ihre Argumentation ''ausschließlich'' textuell zu vermitteln zeigt, wie weit Donaldson von der Wirklichkeit eines Hundes entfernt ist. Den wohl deutlichsten Gegenentwurf zeigen die Bücher von Günther Bloch, der sich zumindest visuell und in der kontextuellen Gebundenheit an den Moment weitaus stärker auf den Hund einlässt. Als Ratgeber für konkrete Trainingswünsche oder Problemsituationen eignet sich Donaldsons Buch kaum; die entsprechenden Ausführungen sind über das gesamte Buch verstreut, mit Hilfe von Stichwortregister oder Inhaltsverzeichnis kaum gezielt auffindbar und ausserdem viel zu unkonkret um irgendwie praktisch umsetzbar zu sein. Nützlich sind dagegen die theoretischen und analytischen Passagen, die einige Ausdrucks- und viele Verhaltensformen beim Hund plausibler machen. Diese Bestandteile dürften insbesondere für Hundebesitzer mit geringen Vorkenntnissen nützliche Hinweise für ein Grundverständnis des "''sozialen Raubtiers''" liefern, mit dem man zusammenlebt. Wertvoll wird Donaldsons Buch nicht zuletzt auch als Anregung, eigene Einstellungen und Umgangsformen mit dem eigenen Hund zu hinterfragen. Und noch immer bietet es eine materialreiche und kontroverse Diskussionsgrundlage für anregende Gespräche.

Bezugsmöglichkeit

Image of Hunde sind anders: Menschen auch - so gelingt die problemlose Verständigung zwischen Mensch und Hund
Autor: Jean Donaldson
Verlag: Kosmos (2009)
Einband: Gebundene Ausgabe, 304 pages
5
Durchschnitt: 5 (2 Bewertungen)
Eigene Bewertung: Keine