Rezension zu Nijboer: Vom Welpen zum Familienhund (2009)

Buchbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ

Jan Nijboer: Vom Welpen zum Familienhund mit Natural Dogmanship, Buchcover

Für Freunde des Erziehungskonzepts ''Natural Dogmanship'' veröffentlichte '''Jan Nijboer''' den Ratgeber '''Vom Welpen zum Familienhund mit Natural Dogmanship''', in dem er sein Erziehungskonzept auf Welpen und Junghunde überträgt.

Nijboers Erziehungskonzept versucht, canide Instinkte und Verhaltensweisen im Kontext des Zusammenlebens mit Menschen nutzbar zu machen. Dabei soll vor allem der Mensch lernen, die hündischen Kommunikationsformen einzusetzen und dadurch zu einem echten Sozialpartner für den Hund zu werden. Nijboers Ansatz gilt als sehr absolut, d.h. er lässt sich nur begrenzt mit konventionellen Erziehungsmethoden kombinieren, da viele klassische Hilfsmittel - wie beispielsweise die Wurfkette - abgelehnt werden. ND in der ›reinen Lehre‹ ist ein ''entweder''-''oder''-Konzept: ''Entweder'' man lässt sich bedingungslos darauf ein, ''oder'' man lässt es ganz bleiben.

Aufgrund dieses Totalitätsanspruchs der ND-Methode setzt sich der Welpenbesitzer einem gewissen Risiko aus - klappt die Erziehung nicht ''vollständig'' so wie von Nijboer versprochen, wird man das adoleszente oder adulte Tier im späteren Zusammenleben mit enormem Aufwand korrigieren und ›reparieren‹ müssen. Da sich ''Vom Welpen zum Familienhund mit Natural Dogmanship'' schwerpunktmäßig mit Welpen und Junghunden beschäftigt, gilt es für Leser dieses Buches ganz besonders, sich die Konsequenzen der ND-Methode wiederholt zu verdeutlichen. Die Lektüre des Bandes kann eine solide Grundlage für eine solche sorgfältige Auseinandersetzung bilden.

== Buchgestaltung und Gliederung ==

Die gebundene Ausgabe ist reichhaltig und durchgehend farbig illustriert; der Bildanteil dürfte etwa die Hälfte des Buchumfangs von 220 Seiten ausmachen.

Die '''Buchgliederung''' folgt chronologisch den Lebensphasen des Hundes:

# Vor der Geburt - die pränatale Phase
# Die vegetative Phase - 1. und 2. Lebenswoche
# Die Übergangsphase - 3. Lebenswoche
# Die Prägungsphase - 4. bis 8. Lebenswoche
# Die Sozialisierungphase - 8. bis 12./13. Lebenwoche
# Die Rudelordnungsphase - 16. Lebenswoche bis 7. Monat
# Die Pubertät - ab dem 7. Monat
# Die Adoleszenzphase - ab dem 2. Lebensjahr
# Die adulte Phase - vom 3. Lebensjahr bis zum Alter
# Das Senektum - die Phase des Alterns

Beispielseiten: [[path:node/11437|Inhaltsverzeichnis 1/4]] (Seite 4), [[path:node/11438|Inhaltsverzeichnis 2/4]] (Seite 5), [[path:node/11439|Inhaltsverzeichnis 3/4]] (Seite 6), [[path:node/11440|Inhaltsverzeichnis 4/4]] (Seite 7).

''Hinweis:'' Die Lebensphasen des Hundes werden in der Literatur sehr unterschiedlich dem Alter des Tieres zugeordnet; anderswo mag sich die Sozialisierungsphase beispielsweise von der zweiten bis zur 15. Lebenswoche erstrecken. Im folgenden beziehen wir uns daher immer auf die ''Lebensphasen nach Nijboer''.

Den Abschluss des Buchs bildet der obligatorische ›Serviceteil‹, bestehend aus Danksagungen, Eigenwerbung für Jan Nijboer, einigen weiterführenden Literaturhinweisen und einem zweiseitigen Stichwortregister.

Die '''Buchgestaltung''' wirkt übersichtlich, abwechslungsreich und anschaulich; die Hauptkapitel werden durch ansprechende doppelseitige Fotografien eingeleitet. Missraten wirkt lediglich die Kopfzeile, die mit ihrer durchbrochenen farbigen Hinterlegung und ebenso zerstückelten Linien einfach nur nach Fehldruck aussieht (die ›kaputten‹ Kopfzeilen lassen sich auf allen [[path:image/tid/2852|Beispielseiten]] bewundern).

== Inhalt ==

In vorbildlicher Klarheit folgt die Buchgliederung den '''Lebensphasen des Hundes'''; mit dem Durcharbeiten des Buches imaginiert man den wachsenden Welpen und kann sich anhand der zeitlichen Abfolge auch leicht orientieren. Zum Nachschlagen eignet sich die gewählte Disposition jedoch weniger, da die (durchaus vorhandene) Binnengliederung der Kapitel in Inhaltsverzeichnis und Stichwortregister nur bruchstücksweise abgebildet ist. Wer nachschlagen möchte, muss also blätttern.

Gut drei Viertes des Buchumfangs beschäftigen sich mit den Lebensphasen bis zum siebten Monat; Puberträt, Adoleszenz, adulte Phase und Senektum werden jeweils auf wenigen Seiten abgehandelt. Der Band addressiert also ganz eindeutig zukünftige Welpenbesitzer, die in Erwägung ziehen, ihren Hund nach dem ND-Konzept zu prägen. Für diese Zielgruppe wird die erste Ernüchterung bereits auf Seite 12 aufgetischt: Nijboer beginnt seine Ausführungen mit der ''pränatalen Phase'', die üblicherweise allenfalls Züchter miterleben. Dasselbe gilt auch für die folgenden Kapitel zur ''vegetativen Phase'' und zur ''Übergangsphase'', die sich ebenfalls primär an Züchter richten. Ein Rat für die Züchter besteht beispielsweise darin, die Welphen durch Kontaktliegen auf den Menschen zu prägen. Es wäre interessant zu hören, wie viele Züchter diesen Vorschlag tatsächlich umsetzen.

Typischerweise sollte ein neuer Hundebesitzer seinen Welpen in der ''Prägungsphase'' (4.-8. Lebenswoche) in Empfang nehmen - das empfielt zumindest Nijboer - üblich ist dagegen eher der Zeitraum zwischen 7. und 13. Lebenswoche. Die frühe Abgabe führe jedoch nicht zu Desorientierung, so Nijboer, sondern mache den Welpen "''flexibler und anpassungsfähiger''" (p. 66 ff.). Ein weiterer Ratschlag von Nijboer lautet, die Wurfrangordnung zu nivellieren; nur dies eröffne den Welpen "''optimale Chancen, sich zu anpassungsfähigen Hunden entwickeln zu können''" (p. 57). Diese Hypothesen untermauert Nijboer mit weiteren Hypothesen; die Argumentation wirkt schlüssig und geradezu zwingend, der kritische Leser mag jedoch eine echte Beweisführung vermissen.

Natürlich führt Nijboer auch rasch eins der zentralen Hilfsmittel seines Erziehungskonzepts ein, den '''Preydummy'''. Das ist im Prinzip ein kleines Täschchen, das mit Leckereien gefüllt ist und als Ersatzbeute genutzt wird. Da das ›Natural Dogmanship‹-Konzept jedoch wohl vor allem ein Gewerbe ist, steht hinter jeder Erwähnung eines ''Preydummy'' der Hinweis, dass es sich hierbei um eine geschützte Marke, also um ein kommerzielles Warenzeichen, handelt. Das lästige ›®‹-Symbol verfolgt einen dann auf dem Buchcover beginnend den gesamten Text hindurch, hinter jeder Erwähung des Warenzeichens ›Natural Dogmanship‹ muss nämlich auch so ein ›®‹ stehen. Und irgendwann hat es dann wohl auch der begriffsstutzigste Leser begriffen: Er möge doch bitte nicht nur das Buch, sondern zumindest auch noch einen Preydummy® kaufen. Das steht dann auch auf Seite 213 noch einmal: "''In der Zentrale können Sie Preydummys® und weiteres für die Hundeerziehung sinnvolles Trainingszubehör erwerben''". Und natürlich kann man sich Natural Dogmanship® auch beibringen lassen, aber bitte von einem für Natural Dogmanship® lizensierten Instruktor.

Diese aufdringlichen Hinweise auf den kommerziellen Charakter der ND-Methode sind ebenso lästig wie lächerlich. Man stelle sich ein pharmakologisches oder informationstechnisches Fachbuch vor, das seinen Text derartig mit Copyrights, Trademarks und Warenzeichen hinter jedem Produkt oder Präparat zumüllte - lesen wollte das wohl niemand. Üblich ist hier ein einmaliger Hinweis im Impressum, und was für die nicht minder profitorientierte Pharma- oder Computerbrache ausreicht, sollte auch für Herrn Nijboers Ansprüche an kommerzielle Schutzrechte ausreichen. An den ''Franckh-Kosmos''-Verlag sei hiermit appelliert, derartigem typografischen Unfug zukünftig einen Riegel vorzuschieben - der Leser wird sich über die verbesserte Lesbarkeit des Textes freuen.

Die meisten Hundebesitzer werden ihre Welpen in der ''Sozialisierungsphase'' (bei Nijboer: 8.-12./13. Lebenswoche) willkommen heißen, mit der sich Nijboer im zweiten Drittel seines Buches beschäftigt (Beispielseiten: [[path:node/11441|Seite 88]], [[path:node/11442|Seite 89]]; [[path:node/11443|Seite 140]], [[path:node/11444|Seite 141]]). Zu seinen kontroversen Ratschlägen zählt beispielsweise auch die Idee, statt ''Antijagdtraining'' ein ''Jagdtraining'' durchzuführen. Weckt man dadurch nicht gerade den Jagdinstinkt seines Hundes?

: "''Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie über solche Spiele nichts hervorzaubern können, was genetisch nicht angelegt wäre. Und weiter möchte ich betonen, dass es besser ist, Ihrem Hund Möglichkeiten zu bieten und jagdliche Aktivitäten zu initiieren, anstatt dass der Hund diese eigenständig entwickelt. Sie werden bemerken, dass Sie sich auf diese Weise viel Einfluss auf alle jagdlichen Verhaltensformen verschaffen''" (p. 96).

Solche Gedanken sind sicherlich die eine oder andere Überlegung wert, ebenso wie Nijboers Warnung vor dem Spielen mit Quietschtieren:

: "''[...] das Quietschen animiert zum wiederholten Reinbeißen. Kinder, Meerschwinchen und Katzen quietschen ebenfalls, wenn Ihr Welpe hineinbeißen würde. Sie möchten jedoch hoffentlich keinen Hund, der durch das Quietschen animiert wird, weiter zuzubeißen''" (p. 97).

Auch dieser Hinweis ist eine Überlegung wert. Doch müsste hier nicht dasselbe gelten, was Nijboer eine Seite zuvor zu jagdlichen Interessen des Hundes anmerkte, dass man nämlich "''nichts hervorzaubern [kann], was genetisch nicht angelegt wäre''"?

Es folgen eine Fülle weiterer praktischer und sehr konkreter Hinweise und Anleitungen, beispielsweise zu ''Versteckspielen'' (alleine auf Seite 100 findet sich übrigens fünfmal der ›Preydummy®‹), zum ''Bench-Training'', zum ''Besuch von anderen Menschen und Hunden'', zur Leinenführigkeit, zum Autofahren und zum ''Abschalttraining''. All diese Anleitungen werden praxisnah erörtert, anschaulich illustriert und sehr präzise beschrieben.

Auch beim mehrfachen Lesen findet sich kaum eine Aussage, die sich bedenkenlos als ›falsch‹ bezeichnen ließe oder die vollständig den eigenen Erfahrungen zuwiderliefe. Vieles erscheint bei Nijboer schlüssiger und plausibler, als es in der konventionellen Ratgeberliteratur dargestellt wird. Andererseits gibt es auch ebensowenige Aussagen, die nicht zumindest ein kleines Fragezeichen beim Leser hinterlassen. Ob Jan Nijboers Darstellungen besser dem gerecht werden, was der Hund ''wirklich'' ist, wird sich daher wohl jeder Leser selbst beantworten müssen.

== Fazit ==

Jan Nijboer interpretiert vieles im hündischen Verhaltensrepertoire anders als es einem die gängige ›Schulmeinung‹ weissmachen möchte. Seine Argumente sind dabei nicht von der Hand zu weisen, und das regt dazu an, vermeintlich sicheres Wissen zu hinterfragen. In vielen Punkten kommt Nijboer daher zu kontroversen Ratschlägen, die sehr plausibel erscheinen.

Trotz aller Überzeugungskraft sollte man jedoch auch Nijboers Autorität selbst nicht unhinterfragt lassen, trotz guter Argumente bleibt letztlich vieles im Konzept der ›Natural Dogmanship‹ Meinung und Ideologie.

Als Lektüre für frische oder zukünftige Welpenbesitzer kann Nijboers Buch durchaus '''empfohlen''' werden, es sollte jedoch nicht das einzige Buch zur Welpenerziehung bleiben. Erst durch den Vergleich unterschiedlicher Auffassungen und Interpretationen lassen sich die Stärken und Schwächen von Nijboers Ansatz für den Umgang mit der sich individuell entwickelnden Hundepersönlichkeit herauslösen: Ein unreflektiert adaptiertes Dogma wird weder Sie noch ihren Hund glücklich machen.

Bezugsmöglichkeit

Image of Vom Welpen zum Familienhund mit Natural Dogmanship
Autor: Jan Nijboer
Verlag: Franckh Kosmos Verlag (2009)
Einband: Gebundene Ausgabe, 224 pages
7
Durchschnitt: 7 (1 Bewertung)
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