Rezension zu Schöning/Steffen/Röhrs: Hilfe, mein Hund jagt (2007)

Buchbesprechung von Agon S. Buchholz für Encyclopædia Canidæ

Barbara Schöning, Nadja Steffen, Kerstin Röhrs: Hilfe, mein Hund jagt, Buchcover
Der Ratgeber '''Hilfe, mein Hund jagt''' von '''Barbara Schöning''', '''Nadja Steffen''' und '''Kerstin Röhrs''' aus dem Jahr 2007 möchte Hundebesitzer darin unterstützen, unerwünschtes Jagdverhalten in gangbare Bahnen zu leiten. Ins Auge sticht das Buch durch sein grandioses Coverfoto eines bemützten Jäger-Hundes. Man ist gespannt, ob das Buch dieses Niveau halten kann. Das Antijagdtraining von Schöning, Steffen und Röhrs setzt sehr früh - nämlich bei der Auswahl der Hunderasse - an; ein Großteil des Buches beschäftigt sich mit der Grundausbildung von Welpen und Junghunden, die behutsam an Beutetiere und Wild gewöhnt werden. == Buchgestaltung und Gliederung == Die gebundene Ausgabe ist durchgehend farbig illustriert. Im Kolumnentitel finden sich eine Handvoll Cartoons von '''Heinz Grundel''', die jedoch über ganze Kapitel hinweg auf jeder Seite wiederholt werden. So wunderbar viele der Cartoons sind - als reines Deko-Element eines gelangweilten Layouters stören sie mit der Zeit. Insgesamt hat es der Buchgestalter bei Farbigkeit und Schmuckwerk etwas übertrieben, der Band wirkt sehr bunt und die Übersichtlichkeit leidet. Der zweispaltige Satz und die großzügige Schrifttype erleichtern das Lesen. Gegliedert ist der Band in vier Hauptabschnitte und den obligatorischen ›Serviceteil‹, der eine Handvoll weiterführender Literaturhinweise und Kontaktadressen sowie ein zweiseitiges Stichwortregister umfasst. Fußnoten oder detaillierte Quellennachweise bietet der Band jedoch nicht, was den praxisorientierten Ratgebercharakter unterstützt. Die ersten drei Abschnitte - ''Vorbeugende Maßnahmen'' (pp. 5-51), ''Lernbiologie und Lernverhalten'' (pp. 52-71) sowie ''Übungen zum Grundgehorsam'' (pp. 72-102) beschäftigen sich mit grundlegenden Überlegungen, beginnend mit der Auswahl einer Hunderasse über die Sozialisierung von Welpen, allgemeine Auslassungen darüber, was Lernen und was Konditionieren ist, bis hin zum Basistraining, das einem in jeder besseren Hundeschule vermittelt wird. Gut die Hälfte des Bandes eignet sich also für Teams mit absolviertem ›Hundeführerschein‹ oder vergleichbaren Prüfungen allenfalls zum Rekapitulieren. Der vierte und letzte Hauptteil - ''Spezielles Training gegen unerwünschtes Jagdverhalten'' (pp. 103-181) - beschäftigt sich schließlich mit dem eigentlichen Thema des Buches, nämlich dem dem Versuch, "''Jagdverhalten in die richtigen Bahnen [zu] lenken''", wie es der Untertitel des Buches in Aussicht stellt (Beispielseiten: Inhaltsverzeichnis [[path:node/11448|Seite 2]], [[path:node/11449|Seite 3]]). [[image:Schöning/Steffen/Röhrs: Hilfe, mein Hund jagt (03)|center|Medium|Die Beispielseite ›Vorbeugen beim Junghund‹ (S. 42) zeigt einen der fröhlichen Grundel-Cartoons am Kapitelanfang und die großzügige Seitengestaltung|Die Beispielseite ›Vorbeugen beim Junghund‹ (S. 42) zeigt einen der fröhlichen Grundel-Cartoons am Kapitelanfang und die großzügige Seitengestaltung]] == Inhalt == Der erste Hauptabschnitt stellt '''vorbeugende Massnahmen''' vor; hier werden exemplarisch eine Reihe von Rassen aufgeführt, die bereits durch ihr genetisches Material für jagdliches Verhalten prädestiniert sind. Empfohlen wird, die Rasse eines Welpen "''entsprechend den vorhandenen Bedürfnissen''" auszuwählen; etwas verklausuliert soll das wohl heissen, dass man sich halt keine der potenziell jagdlich interessierten Hunderassen ins Haus holen sollte, wenn man sich nicht früher oder später mit deren Jagdgelüsten auseinandersetzen möchte. Als einleitender Hinweis auf Seite 15 mag das für Besitzer von Dackeln, Jack Russell Terriern, Foxterriern, Bracken, Beagles, Bassets, Cocker Spaniels, Settern, Münsterländern, Weimaranern, Retreivern, Afghanen, Irischen Wolfshounden, Barsois, Ridgebacks, Podencos, Border Collies, Briards, Schäferhunden und etlichen weiteren aufgeführten ›Problemrassen‹ etwas ernüchternd scheinen. Genau genommen wird die Rasseauswahl durch dieses Kriterium recht schmal - nur sehr wenige Hunderassen haben keinerlei Jagdgeschichte in ihrem Ahnenbuch -, und für Mischlinge oder Tierheimhunde mit unklarem Stammbaum taugt dieses Kriterium auch herzlich wenig. Statt seitenweise Hunderassen ''auszuschließen'' wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, klare Empfehlungen zu geben, welche Rassen überhaupt in Frage kommen könnten. Wer sich einen erwachsenen Hund anschafft, könne einen "''Anti-Jagd-Test''" machen, der dann auf einigen Seiten beschrieben wird. Abschließend wird dem Käufer des Buches noch einmal eingeschärft: "''Achten Sie vor der Anschaffung eines Hundes darauf, dass Sie und ihr zukünftiger Hausgenosse in den wichtigsten Eckpunkten zusammenpassen''". Dieser Rat ist sicherlich nicht verkehrt, in einem Buch mit dem Titel "''Hilfe, mein Hund jagt - Jagdverhalten in die richtigen Bahnen lenken''" jedoch schlichtweg deplaziert; wer sich ein solches Buch anschafft, steht vermutlich gerade ''nicht'' vor der Kaufentscheidung für eine bestimmte Hunderasse, sondern hat höchstwahrscheinlich ein konkretes Problem mit unerwünschtem Jagdverhalten eines vorhandenen Vierbeiners. Auch die nachfolgenden Erörterungen zur ''Sozialisierungsphase'', zur ''Gewöhnung an andere Tiere'' und zum ''Vorbeugen beim Junghund'' betreffen ausschließlich Hundehalter, denen der Hund nicht bereits in den Brunnen gefallen ist. Jedenfalls ist auf den Seiten zwischen 26 bis 51 immer nur die Rede von noch nicht ausgewachsenen Junghunden bzw. Welpen (Beispielseiten: [[path:node/11450|Seite 42]], [[path:node/11451|Seite 43]]); ob sich die vorgeschlagenen Maßnahmen auf ausgewachsene Tiere übertragen lassen, darf bezweifelt werden; jedenfalls finden sich zunächst ''keine'' speziellen altersbezogenen Hinweise - die werden erst im letzten Kapitel nachgereicht (''Desensibilisierung gegen Erregungsauslöser'', pp. 131-136). Im zweiten Abschnitt zu '''Lernbiologie und Lernverhalten''' wird sehr grundlegend darauf eingegangen, "''Wie Hunde lernen''", was "''klassische''" und was "''instrumentelle''" Konditionierung ist und wie sich Generalisierung, Habituation, Sensitivierung sowie Löschung unterscheiden. Als "''Möglichkeiten, das Verhalten zu beeinflussen''" werden ''positive Verstärker'' (Futter, Kontakt, Entfernen von etwas Unangenehmem) und ''negative Verstärker'' (Entzug, Schmerz) vorgestellt sowie die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden diskutiert. Der dritte Hauptabschnitt stellt '''Übungen zum Grundgehorsam''' vor. Dankenswerterweise verzichten die Autorinnen auf die Vorstellung von Basiskommandos wie ''Sitz'', ''Platz'', ''Bleib'' oder ''Bei Fuß'', sondern konzentrieren sich auf den Rückruf (''Hier''), das Aufmerksamkeitstraining sowie Unterbrechungskommandos (''Halt'', ''Stopp'', ''Nein'', '''Off'', ''Pfui''). Gearbeitet wird überwiegend mit Motivation durch Belohnung (Futter, Belohnungswort, Clicker) sowie mit der Schleppleine (Beispielseiten: [[path:node/11452|Seite 74]], [[path:node/11453|Seite 75]]). Der vierte und letzte Hauptabschnitt '''Spezielles Training gegen unerwünschtes Jagdverhalten''' geht endlich ''in medias res'' und kommt zum eigentlichen Thema des Buches, nämlich zu Problemhunden mit vorhandenem Jagdverhalten, das in gangbare Bahnen gelenkt werden soll. Hier weisen Schöning, Steffen und Röhrs noch einmal nachdrücklich darauf hin, dass "''ohne ein im Alltag gut etabliertes Aufmerksamkeits- und Rückrufsignal [...] keine erfolgreiche Kontrolle des unerwünschten Jagdverhaltens''" erzielen lasse. Ausserdem erinnern sie daran, dass "''ein totales Verschwinden''" des Jagens aus dem Verhaltensrepertoire des Hundes "''so gut wie unmöglich''" sei. Auch das ist wieder sehr ehrlich, es mag nichtsdestotrotz von Besitzern jagender Hunde als ernüchternd empfunden werden. Ihr "''spezielles Training''" beginnen die Autorinnen mit dem Aufstellen eines so genannten "''Management-Plans''", durch dessen Maßnahmen ein unkontrolliertes Jagen unbedingt vermieden werden soll. Als Hilfsmittel beim Antijagdtraining werden Halsband, Leine, Brustgeschirr, Flexileine und Schleppleine diskutiert. Das Training selbst basiert auf den im Grundtraining erworbenen Fertigkeiten und umfasst die Komponenten Schleppleinen-, Aufmerksamkeits- und Unterbrechungstraining. Außerdem wird nun eine ''Desensibilisierung gegen Erregungsauslöser'' versucht, wie sie im ersten Kapitel bereits für Welpen und Junghunde skizziert wurde (Beispielseiten: [[path:node/11454|Seite 120]], [[path:node/11455|Seite 121]]). Abschließend werden die Komponenten des Grundtrainings noch durch Dummyarbeit, Reizangel sowie sog. ›Fischer Disks‹ (spezielle Klirrscheiben) und ›JetCare‹-Halsbänder (Sprühhalsbänder mit Fernauslöser) ergänzt. Erfreulicherweise werden diese Hilfsmittel nicht als Allheilmittel angepriesen - das sind sie nämlich sicherlich nicht. Mit einer kurzen Zusammenfassung schließt der Hauptteil des Buches. == Fazit == ''Hilfe, mein Hund jagt'' ist ein seriöser, grundsolide angelegter Ratgeber, der ehrlicherweise kein Wunder verspricht; Offenbarungen bleiben daher - leider - aus. Stattdessen wird ein umfassendes, anstrengendes und arbeitsreiches Trainingsprogramm vorgestellt, das in engen Grenzen und unter bestimmten Umständen helfen kann, Jagdprobleme besser in den Griff zu bekommen. Vom Hundehalter verlangt das Trainingsprogramm eine kompromisslose Einsatzbereitschaft und ein Höchstmaß an Konsequenz - sicherlich mehr als viele real existierende Hundehalter aufbringen können. Gegen Ende des Buches nennen die Autorinnen eine konkrete Anzahl der Übungseinheiten, die zum Erreichen einer bestimmten (komplizierten) Verknüpfung erforderlich sind: Mit 5.000 bis 10.000 Trainingseinheiten müsse man rechnen, wenn man das Wild selbst als Rückrufsignal aufbauen wolle. Wie viele solcher Trainingseinheiten man pro Tag absolvieren soll, verraten Schöning, Steffen und Röhrs leider nicht; wenn es eine pro Tag wäre, bräuchte man rechnerisch jedenfalls knapp 13 Jahre. Diese Zahl mag illustrieren, in welchen Dimensionen sich der Aufwand für ein konsequentes Antijagdtraining bewegt, und diese muss wieder vor dem Hintergrund gesehen werden, dass - nach Einschätzung der Autorinnen - kaum Aussicht besteht, das unerwünschte Jagdverhalten jemals komplett auslöschen zu können. Diese wichtige Einschränkung ist wiederum ebenso ehrlich wie der eigentliche Rat des Buches: Wer eventuellen Jagdproblemen mit seinem ''zukünftigen'' vierbeinigen Gefährten aus dem Weg gehen möchte, sollte dies bei der Auswahl seines Haustiers ''vorab'' berücksichtigen. Die Ehrlichkeit von Schöning, Steffen und Röhrs endet jedoch vor der eigentlichen Konsequenz dieses Ratschlags, der genau genommen für jedes domestizierte Raubtier gelten müsste. Weite Teile des Ratgebers lavieren daher um das eigentliche Thema des Buches herum und richten sich eher an ''potenzielle'' Hundebesitzer, die sich noch für eine bestimmte Hunderasse entscheiden müssen, oder an Welpenbesitzer, deren Hund noch kein akutes Jagdverhalten zeigt. Besitzer eines erwachsenen Hundes mit vorhandenem Jagdtrieb können etwa die Hälfte des Buches gewinnbringend einsetzen. Dies setzt jedoch voraus, dass sie "''vorübergehend''" - also zumindest für einige Monate - bereit und in der Lage sind, ihre Lebensgewohnheiten komplett umzukrempeln. Schöning, Steffen und Röhrs bezeichnen dies als "''Investition in die Zukunft''", die sich später "''doppelt und dreifach''" auszahle. Da es keine "''Heilung auf Knopfdruck''" gegen unerwünschtes Jagdverhalten gebe, solle man die notwendigerweise kontinuierliche Fortsetzung des Antijagdtrainings als positive Herausforderung akzeptieren, denn: "''Wenn Sie keinen Spaß an der Beschäftigung mit Ihrem Hund hätten, hätten Sie sich vermutlich auch keinen angeschafft''". Allerdings kann das Buch auch auf eine andere Weise gewinnbringend gelesen werden: Wer unter den Jagdgelüsten seines Hundes leidet kann sich hier ein fachlich bestens fundiertes Bild machen, ob man wirklich den Rest des gemeinsamen Lebens mit Antijagdtraining verbringen möchte - oder ob Waldspaziergänge an der langen Leine nicht vielleicht doch eine echte Alternative sind.

Bezugsmöglichkeit

Image of Hilfe, Mein Hund jagt: Jagdverhalten in die richtigen Bahnen lenken
Autor: Dr. Barbara Schöning, Nadja Steffen, Kerstin Röhrs
Verlag: Franckh Kosmos Verlag (2007)
Einband: Gebundene Ausgabe, 192 pages
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